Der Blick auf die Berlebecker Kirche zwischen Hahnberg und Stemberg ist zu jeder Jahreszeit schön. Die Wanderer auf dem Hermannsweg bleiben beim Anstieg auf den Stemberg stehen und drehen sich noch einmal um. Sie genießen die Aussicht auf die kleine namenlose Dorfkirche mit ihrem Turm und den Bäumen mit der bunten Laubfärbung im Hintergrund.
In vielen Orten sind die Kirchen Orientierungspunkte. Mitten im Dorf wurden sie einst gebaut, oder wie vielerorts die Dörfer um die Kirchen herum.
Die Kirche ist im Dorf und da soll sie bleiben. Das war auch auf einer der Karten zu lesen, die aus Anlass des Reformationsjubiläums an unsere Kirchentür geheftet wurde. So ist es in vielen Teilen Deutschlands, die Leute hängen an ihren Dorfkirchen. Selbst dort, wie in vielen Dörfern in den neuen Bundesländern, wo nur noch selten oder gar kein Gottesdienst mehr gefeiert wird, finden sich Menschen, die ihre Dorfkirchen renovieren und erhalten. Die Kirche soll im Dorf bleiben. Warum ist das so wichtig für die Menschen? Weil so viele Erinnerungen mit dem Gebäude verbunden sind. Erinnerungen an eigene Lebensge-schichten mit Taufen, Konfirmationen, Trauungen? Ich denke, es ist noch mehr. Auch wenn Gott und sein Dasein nicht an Räume gebunden ist, kommt mit dem Wunsch „Die Kirche soll im Dorf bleiben!“ auch zum Ausdruck: Gott soll hierblieben. Als 1968 in Leipzig die Universitätskirche von den staatlichen Behörden gesprengt wurde, lautete die Botschaft umgekehrt auch: Gott wollen wir hier nicht mehr haben!
Im alten Israel, in dem der Priestersohn Hesekiel vor mehr als 2600 Jahren aufwuchs, kannten alle Pilger das unbeschreibliche Gefühl, wenn sie nach dem langen Aufstieg endlich den Tempel über Jerusalem erkennen konnten: der Ort, an dem Gott wohnt. Den Wohnort Gottes ließ der babylonische Herrscher Nebukadnezar zerstören und das Volk Gottes nach Babylon deportieren. Welch ein Frevel! Die Welt sollte sehen: Diese Volk gibt es nicht mehr und der Gott Israels hat keine Bleibe mehr.
Hesekiel gehörte zu den Verbannten in Babylon und verhieß den Israeliten in der Fremde: Es wird einen neuen Tempel geben, von dem wird ein Wasserstrom ausgehen, der die Wüste in einen blühenden Garten verwandeln wird. Und Jerusalem wird einen neuen Namen erhalten: „Hier wohnt Gott“.
Später wurde in Jerusalem tatsächlich wieder ein Tempel für den Gott Israels gebaut, aber von einem Strom lebendigen Wasser aus dem Heiligtum war keine Spur. Wo wohnt Gott? Diese Frage durchzieht die ganze Bibel.
Wir Christen glauben, dass Gott nicht in Gebäuden wohnt, sondern bei uns Menschen. In Jesus Christus ist Gott zu uns gekommen. In ihm ist er mitten unter uns.
Ich sehe mir gerne alte Kirchen an, auch wenn ich mir nicht vorstelle, dass Gott dort mehr zuhause ist als in unserer kleinen Berlebecker Dorfkirche. Er ist doch immer und überall unterwegs zu uns Menschen. Wo sein Evangelium verkündigt wird ist er uns nahe und wenn wir in seinem Namen Brot und Kelch teilen, können wir es sehen und schmecken.
Es ist doch gut, dass wir das in den großen alten Domen und in unserer kleinen Kirche zwischen Stemberg und Hahnberg feiern und erleben dürfen.

Einen besinnlichen November wünscht Ihnen
Iris Opitz-Hollburg


Hoher Besuch

Es ist Mittwoch. Elisabeth hat frei. Endlich! Das Wochenende war die Hölle. Weil die Adventszeit so kurz ist, sind alle gleich losgestürzt. Die Stadt war voll von Kaufwilligen. Hinz und Kunz drängte sich vor ihrer Kasse. Elisabeth kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so viel zu tun hatte. Doch heute kann sie sich treiben lassen. Es ist 9 Uhr. Sie sitzt im Morgenmantel in der Küche, trinkt Kaffee und liest Zeitung.


Elisabeth bekommt Besuch

Es klingelt an der Wohnungstür. Soll sie aufmachen? Vielleicht ist es das Paket, auf das sie wartet. Also doch lieber im Morgenmantel an die Tür gehen, als hinter dem Paket herzurennen. Sie öffnet, und da steht Jesus.

„Hallo, ich bin’s“, sagt er. „Es ist doch noch gar nicht Weihnachten!“ Etwas Schlaueres fällt Elisabeth nicht ein. „Ich dachte, heute passt es dir am besten“, sagt Jesus. „Mir übrigens auch. Darf ich reinkommen?“

Sie nimmt ihn mit in die Küche. „Tut mir leid. Das Wohnzimmer ist noch nicht aufgeräumt. Ich habe heute frei.“ „Frei wovon?“, fragt Jesus. „Von den Weihnachtsvorbereitungen“, sagt Elisabeth. „Was tust du da so?“ will Jesus wissen. „Ich dekoriere die Wohnung, kaufe Geschenke, backe und schreibe Karten, auch wenn es altmodisch ist.“ „Das ist viel“, nickt Jesus. Elisabeth wird mutiger. „Und was machst du zu Weihnachten?“ fragt sie zurück.

„Ich bringe Frieden.“


Wie Frieden wird

„Klappt nicht so gut, oder?“ Die Frage klingt spitzer, als Elisabeth lieb ist. Sie beißt sich auf die Zunge. „Ein eher langfristiges Projekt“, erklärt Jesus. „Ich beschäftige mich schon seit 2000 Jahren damit. Heute bin ich bei dir. Du hast mir die Tür aufgemacht. Und da hast du ihn: den Frieden.“

Elisabeth denkt nach. Stimmt, seit Jesus da ist, hat sie nicht mehr an all das gedacht, was sie noch machen muss, machen will oder eh nicht mehr schafft. Sie ist ruhiger. Im Augenblick angekommen. Zufrieden mit sich selbst.

„Wie lange bleibst du denn?“, erkundigt sie sich. „Hast du Sorge, dass ich den Frieden wieder mitnehme?“ Jesus lacht.


„Musst du nicht. Diese Küche wird von nun an der Ort sein, in dem wir zusammengesessen und geredet haben. Du wirst dich erinnern, dass es dir gutgetan hat.

Nimm dir doch jeden Morgen einen Augenblick und denk an mich. Und an all die anderen, die ich besuchen werde oder schon besucht habe. Lass den Frieden in dir groß werden und geh so in den Tag.“

Elisabeth muss blinzeln. Die Sonne scheint durchs Fenster. Sie taucht Jesus in goldenes Licht. „Na“, sagt sie, „noch bist du ja da.“


Der Bibeltext zur Andacht ist der Monatsspruch für Dezember:


Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe,

damit es erscheine denen, die sitzen in der Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. (Lukas 1, 78f)


Nach einer Idee von Susanne Niemeyer: Jesus klingelt. Neue Weihnachtsgeschichten

 

Frohe und gesegnete Feiertage wünscht Ihnen Pastorin

Wiltrud Holzmüller