All mein Sehnen liegt offen vor dir

Es gibt Zeiten, da weiß man nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Eine schlechte Nachricht jagt die andere. Der Druck wächst. Was man bräuchte, wäre genau das Gegenteil: einen Augenblick der Ruhe. Einmal verschnaufen, durchatmen, sich am Leben freuen, etwas Abstand zu all dem Bedrängenden bekommen und überhaupt wieder einen Überblick gewinnen: Womit fange ich an? Was kann warten? Was hilft mir, mich zumindest ein bisschen besser zu fühlen?

Martin Luther soll sinngemäß gesagt haben: „Wenn besonders viel zu tun ist, muss man besonders viel beten.“ Offenbar hat er erfahren: Beten ist keine Zeitverschwendung. Es ermöglicht einem, einen Hauch von Abstand zu gewinnen. Ich breite die Not vor Gott aus und schaue sie mit ihm an: „Mein Herz erbebt, meine Kraft hat mich verlassen.“ Ich vergewissere mich: Ich muss da nicht allein durch. Gott wird mich leiten. Wo mir die Hände gebunden sind, kann er handeln. „Verlass mich nicht, Herr, mein Gott, sei nicht ferne von mir!“ Vielleicht werde ich ruhiger. Für einen Augenblick.
Ein besonders anrührendes Gebet begegnet mir in Psalm 38:
„Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.“
(Psalm 38, 10)

Es ist gar nicht so einfach, Menschen zu finden, denen gegenüber man offen sein mag. Wie viel Vertrauen riskiere ich? Was behalte ich lieber für mich? Was erzähle ich dir? Wie viel Schwäche gestehe ich ein? Welche Schuld nenne ich beim Namen? Bei Gott ist das gar keine Frage. Was mich bewegt, ist ihm nicht verborgen. Ja, nicht einmal das, was mir selbst unbewusst ist, bleibt ihm ein Rätsel. Dennoch tut es gut, sich klar zu machen: Gott kann ich vertrauen. Was er über mich weiß, wird er nicht gegen mich verwenden. Im Gegenteil. Er nimmt sich meiner Sehnsucht an. Er versteht sich darauf, in Schutz zu nehmen, zu heilen, zu vergeben.

So beten wir an den dunklen Tagen des Herbstes, sei es am Erntedanktag mit der seufzenden Schöpfung, am Volkstrauertag mit den nach Frieden seufzenden Menschen, am Buß- und Bettag oder am Ewigkeitssonntag: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst. Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir. In Ohnmacht, in Furcht sei da, sei uns nahe, Gott. Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir. In Krankheit, im Tod sei da, sei uns nahe, Gott. Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir. Wir hoffen auf dich, sei da, sei uns nahe, Gott.“

Gottes Nähe wünscht Ihnen von Herzen Ihre Pfarrerin
Wiltrud Holzmüller.