Badeanstalt

Liebe Leserin, lieber Leser!

Lange haben wir den Sommer in diesem Jahr mit niedrigen Inzidenzzahlen genießen können, die teilweise sogar im einstelligen Bereich lagen. Aber leider hat uns das Corona-Virus nicht verlassen. Die Delta-Variante breitet sich aus und die Inzidenzzahl der vergangenen Woche liegen schon wieder 83, d.h., dass sich bundesweit 83 Menschen von 10000 mit Corona infiziert haben.Ab dieser Woche spricht man von der Hospitalisierungs-Inzidenz. Das bedeutet, es wird die Zahl als Grundlage für Einschränkungen im öffentlichen Leben zugrunde gelegt, die angibt, wie viele Personen innerhalb einer Woche wegen Corona in Krankenhäuser eingeliefert worden sind.Mehr als 62% der Bevölkerung in unserem Land haben sich bisher impfen lassen. Das sind aber noch zu wenige, um die Herdenimmunität zu erreichen.In unserem Nachbarland Dänemark sind alle Beschränkungen Als Schutzmaßnahme gegen Corona aufgehoben worden. 73% der Bevölkerung sind dort zweimal geimpft, eine Herdenimmunität ist dort erreicht, obwohl die Inzidenzzahlen auch dort wieder ansteigen.Auf der anderen Seite sind es vorwiegend Nichtgeimpfte, die wegen einer schweren Covid 19 Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden müssen. Deswegen hat man nun das Augenmerk auf die im Krankenhaus behandelten Personen gerichtet und so errechnet man den Hospitalisierungsgrad, bundesweit und in den einzelnen Kommunen.

Wir müssen alle Menschen ermuntern, sich impfen zu lassen, damit vielleicht irgendwann einmal das Virus verschwunden ist und somit auch keine neuen Varianten mehr auftreten können. Werden wir das jemals erreichen?Freuen wir uns über die letzten Tage des warmen Spätsommerwetters, teilweise über das Sommerwetter, das mit Temperaturen von 25-30° wieder zu uns zurückgekehrt ist. Die Freibäder haben noch einmal viele Badegäste eingelasen und noch ein bisschen von der Saison profitiert in einem Sommer, der sehr durchwachsen war.

Ich erinnere mich sehr gerne an die Zeit, als ich Kind war und die Badeanstalt in Detmold besucht habe. „Oma, Badeanstalt, was ist das?“, fragte mich gestern mein Enkel. „Das sind heute die Schwimmbäder oder Freibäder, wir nannten sie früher Badeanstalt oder noch einfacher: Die Badse!“„Und wie war das so in der Badse?“

„So schön, wie es heute im Schwimmbad ist.“Aber es war nur sehr selten, dass wir in das Freibad gehen konnten. Unsere Eltern hatten keine Zeit, mit uns nach Detmold in die Badeanstalt zu gehen. Wr hatten allerdings auch von Spork-Eichholz bis zur Badeanstalt in Detmold an der Georg-Weerth-Straße gut 2 km zu laufen. Aber bevor es soweit war, mussten uns unsere Eltern erst einmal die Erlaubnis geben, in das Freibad gehen zu dürfen. Und das war nicht so einfach.

An einem heißen Sommertag in der Schule schwärmten wir davon, am Nachmittag nach Detmold in die Badse zu dürfen. Zuhause bettelte ich: „Bärbel’s große Schwester kommt doch auch mit!“ Und die war sechs Jahre älter, als meine Freundin. „Und es ist doch heute so heiß!“, bettelte ich weiter. „Ihr könnt hier auf der Wiese in der Zinkwanne baden, dann könnt ihr euch auch abkühlen.“ Meine Freundin Bärbel kam mit ihrer älteren Schwester Carola um die Ecke gebogen, um mich abzuholen. „Mutti, bitte!“ Und tatsächlich, sie erlaubte mir schließlich doch mit den beiden in die Badeanstalt zugehen. Schnell packte ich mir den Badeanzug in ein Handtuch, bekam 50Pfennige für den Eintritt und noch 50Pfennige für Bonbons und ab ging es wieder am Haus meiner Freundin vorbei und dann in den Johannettentaler Wald. Hier im Wald war es angenehm kühl. Wir drei gingen hintereinander her. Der Weg war schmal, fest eingetreten, gelber Lehmboden, kein Laub lag auf dem Weg. Wir mussten vor unsere Füße gucken, denn immer wieder konnten wir über herausstehende Wurzeln stolpern. Aber erzählen ging immer und voller Erwartung malten wir uns aus, wie das denn gleich wohl in der Badse sein würde.

„Wie viel Geld hast du denn für die Bonbonbude bekommen?“ – „Ich glaube, dass heute noch mehr aus der Klasse in der Schule sind!“ Und so kamen wir allmählich unten beim Johannettental an das Ende des kleinen Waldes. Ein kleiner Bach floss hier. War es lange trocken, konnten wir die Abkürzung über den Bach nehmen. Hatte es vorher lange geregnet, mussten wir einen kleinen Umweg um den Bach herum machen. Heute war es aber ganz trocken und mit einem Sprung waren wir über den Bach. Nun noch eine kleine Böschung hoch und wir standen an der Hornschen Straße. Die hatte noch das Kopfsteinpflaster und führte unter einer Brücke her in die Talstraße. Wir brauchten allerdings nur die Straße zu überqueren und kamen auf der anderen Seite in den Kuhkamp. Vielleicht wurden ganz früher einmal Kühe dort geweidet, jetzt gab es zur rechten Seite ein paar Schrebergärten für die Leute aus der Stadt und links breiteten sich bis zum Leopoldinum nur Felder aus, mal Runkelfelder oder Kartoffeln oder Getreide.Hier wurde es jetzt richtig heiß. Die Schotterstraße führte hinab zur Werre und es gab keinen Baum mehr, der Schatten spendete. Immer nur leicht bergab in der sengenden Sonne und auf dem staubigen Weg bis zur uralten Brücke mit den dicken Steinen. Zwei dicke Quader lagen am Fuß der Brücke, als stützen sie die Brücke noch einmal ab. Auf der Brücke schauten wir einen Moment in die Werre, warfen Steine hinein und spuckten so weit es ging in die schmale Werre, die nicht viel Wasser hatte in dem heißen Sommer.Nun aber schnell weiter, die leichte Steigung wieder hinauf bis zur Eisenbahnbrücke. Der Schotterweg führte weiter unter der Brücke durch an einem Eichenwäldchen vorbei bis zum Friedhof an der Blomberger Straße.Wir bogen aber vor der Brücke nach links ab auf einen Pattweg an der Bahnböschung entlang. Dieser Weg war wieder nur sehr schmal und holprig und die Sonne brannte jetzt noch heißer auf uns herab vor der Böschung. Aber endlich kamen wir an der Georg-Weerth-Straße an. Hier war der Weg asphaltiert, es gab sogar schon einen Bürgersteig.Wir waren angekommen. Am Kassenhäuschen bezahlten wir unseren Eintritt und konnten endlich auf die ganze Badeanstalt sehen: Auf die große Liegewiese, auf das Planschbecken, dahinter auf den Nichtschwimmer und das große Schwimmerbecken mit dem Dreimetersprungbrett und den zwei Einern daneben. „Ziemlich voll heute!“ An den vielen Badekabinen gingen wir vorbei bis zur Mädchenumkleide. Jetzt aber schnell in den Badeanzug, Kleidung mitnehmen und einen Platz auf der Wiese gesucht. Mein Badeanzug hatte mal meiner Tante gehört. Er war ganz gesmokt in vielen Farben, etwas verblasst mit Trägern, die ich um den Hals trug. „Ziemlich voll heute!“, sagten wir noch einmal, fanden aber unter der großen Weide am Planschbecken noch einen kleinen Platz. Unter der Dusche gingen wir her durch das Fußbecken und gleich in den Nichtschwimmer. Schwimmen konnten meine Freundin und ich noch nicht. Es war herrlich, sich nass zu spritzen und unterzutauchen. Den Handstand zu üben, war richtig toll. Eine nach der anderen versuchte es und Carola hielt uns die Beine fest. Carola ging auch mal in den Schwimmer und der Bademeister Schneidereit hatte ein Auge auf uns. Der Bademeister ging immer zwischen dem Nichtschwimmer und dem Schwimmer hin und her. Am meisten musste er die Jungen ermahnen, die immer mal wieder vom Rand in den Nichtschwimmer sprangen. Manchmal blieb es nicht bei einer Ermahnung, dann schickte er den Jungen auf die Wiese. Er könne in einer halben Stunde wieder ins Becken kommen. Und wir alle gehorchten, wenn der Bademeister uns ermahnte.Carola kam wieder zu uns zurück. „So, jetzt lernt ihr zu schwimmen!“ Der Reihe nach legten wir uns nach ihren Anweisungen auf den Bauch, sie hielt ihre Hand unter unseren Bauch und ab ging es. Zuerst gingen wir unter und schluckten viel Wasser. Aber nach einiger Zeit konnten wir uns schon wie kleine Frösche im Wasser halten, unsicher noch, aber wir hatten das Schwimmen schnell begriffen und waren mächtig stolz darüber. So, nun aber wieder mal anderes: Rutschen. Das war toll! Es ging die weißgestrichene Metallleiter hinauf. Ein bisschen hoch war es ja schon. Und das Hinsetzen auf die Rutsche erforderte auch ein wenig Geschick. Noch eben gucken, ob sich niemand unten an der Rutsche aufhielt und dann ab, herrlich schnell und im Wasser abtauchen. Noch mal! Und noch mal! Meine Freundin Bärbel bekam blaue Lippen und wir mussten mit Carola auf die Wiese gehen, uns abtrocknen und ausruhen. Aber sobald es Bärbel wieder warm war, gingen wir mit unseren 50Pfennigen zur Bonbonbude, in der Frau Schneidereit die Köstlichkeiten verkaufte. Der Renner waren die Schokoküsse, die aber früher einen anderen Namen hatten. Die kosteten auch 10Pfennige. Das war viel Geld!! Billiger waren die roten Lutscher am weißen Stiel, die kosteten nur 5 Pfennige oder die Zitronenbonbons. Davon konnte man sich etwas mehr kaufen. Und man hatte auch etwas länger daran zu lutschen. Nappos kosteten auch 10 Pfennige. Es wollte alles gut überlegt sein, was man sich kaufte. Die Schlange war lang und so hatte man auch genug Zeit, sich die richtigen Dinge für 50Pfennige auszusuchen. Auf dem Weg zur Wiese steckten wir schon die erste Süßigkeit in den Mund, köstlich! „Ich esse jetzt noch nicht alles auf. Das esse ich, wenn wir wieder nach Hause gehen!“- „Ja, das mache ich auch!“Aber noch war es ja nicht soweit. Wir gingen noch einmal in das Nichtschwimmerbecken und versuchten uns weiter mit Carolas Hilfe im Schwimmen. Doch irgendwann geht auch der schönste Badsebesuch mal zu Ende. Wir duschten uns noch einmal unter der kalten Dusche ab. Für die warme Dusche hätten wir uns einen Aluminium-Chip kaufen müssen. Das war zu teuer und das Geld hatten wir ja schon ausgegeben. Durch die metallene Drehtür am Ausgang verließen wir die Badse und machten uns gemütlich auf den Heimweg.

Mit unseren Lehrern gingen wir einen Vormittag lang in die Badeanstalt – und da konnte es auch schon einmal richtig kalt sein - und machten unseren Freischwimmer, unseren Fahrtenschwimmer und das Jugendschwimmabzeichen. Einige lernten das Schwimmen an diesen Vormittagen an der Angel vom Bademeister Schneidereit. Die Angel bestand aus einer lange Stange mit einer breiten Schlaufe, die um den Bauch des Nichtschwimmers gelegt wurde, damit er noch etwas Sicherheit hatte. Bärbel und ich hatten heute das Schwimmen gelernt und kamen stolz wieder zu Hause an. Leider war es schon Abend geworden, viel zu spät, und ich wurde richtig ausgeschimpft. Da half es auch nicht, dass ich erzählte, dass ich nun schwimmen könne.

Heute gibt es diese Badeanstalt nicht mehr, alles ist abgerissen worden. Die Badeanstalt an der Georg-Weerth-Straße in Detmold ist erst in den fünfziger Jahren gebaut worden. Vorher war die Werre hinter dem Leopoldinum aufgestaut worden und in diesem aufgestauten See schwammen die Detmolder Badegäste.  Klar, dass da auch mal ein Frosch mitschwamm oder Schlamm, wenn die Werre Hochwasser führte.Auch in Berlebeck wurde die Berlebecke am Wächterhof aufgestaut und das Wasser durch Rohre in eine ausgebaggerte Grube geleitet. Das war die erste Badeanstalt in Berlebeck. Im Winter, so erzählte mir Willi Bierwirth aus Berlebeck, wurde auf dem zugefrorenen Wasser Schlittschuh gelaufen oder Eishockey gespielt. Heute gibt es in Berlebeck, wie auch in vielen anderen Gemeinden ein modernes Schwimmbad, teilweise durch einen Freibadverein in Stand gehalten. Aber eines ist geblieben: Früher die Bonbonbude, heute ein Kiosk, an dem die Kinder noch immer ihre köstlichen Süßigkeiten kaufen.

Wie war das bei Ihnen oder wie ist es bei Ihnen in ihrem Dorf oder Ihrer Stadt?Ich wünsche Ihnen gute Gespräche, in denen schöne Erinnerungen wieder auftauchen mit ganz herzlichen Grüßen von

Karin Niederkrome

Bleiben Sie behütet!