Amaryllis

Eine Geschichte zum Staunen von Karin Niederkrome

 

Amaryllis

Zuerst sah sie nur elegant aus in ihrem breiten runden Glas. Ihre dicke Zwiebel sah ich nur halb. Die andere Hälfte lag verdeckt von Moos mit zwei kleinen Tannenzapfen unten im Glas. Die Zapfen öffneten sich schon ein bisschen, als wollten sie bereit sein, wenn das Wunder geschehen würde. Ein zarter Magnolienzweig mit drei Verästelungen, an deren Spitze je eine Knospe wuchs, umspielte die Zwiebel, die schon zwei kurze Blütenstängel, die Schafte, mit spitzen Knospen hervorgebracht hatte.

Ich habe die Amaryllis geschenkt bekommen und mich sehr darüber gefreut. Es ist so wunderbar zu beobachten, wie aus der dicken Zwiebel heraus die üppigen Knospen erblühen. Das Glas mit dem Moos, den Zapfen, dem Magnolienzweig und den zwei  Blütenstielen sieht so fein und ästhetisch aus mit genau abgewogenen Proportionen. Ein breites blassgoldenes Band, um das Glas herum gebunden, verdeckt die Sicht auf den Boden Ich kann von oben in das Glas hineinblicken und ein wenig von der Seite. Geheimnisvoll sieht es dort aus. Ich blicke in ein gut gepolstertes Nest, fast sieht das Nest aus wie eine gut gepolsterte Krippe.

Außen am Band sind eine Zimtstange und Weihnachtsgewürze geklebt, die nicht nur den Augen, sondern auch der Nase verraten: Es geht auf Weihnachten zu.

Die längere der beiden Blütenstandschäfte  hat schon bald die Höhe der beiden Magnolienzweige  erreicht und jeden Tag beobachte ich, wie die Knospe und ihre kleine Schwester ein Stückchen höher wachsen und ihre grünen Knospen dicker werden. Die Zapfen brechen weiter auf und schauen gespannt auf das, was da oben geschieht.

Am nächsten Tag ist die obere, die größere der beiden grünen Knospen so dick, dass sie mit Macht und doch so zart und leise aus den grünen Tragblättern hervorbricht. Einen Spalt nur platzt die grüne Hülle auf und zwei blassrote Blüten schälen sich aus ihrem Kokon kerzengerade nach oben. Zwei Blüten werden kommen, nein drei oder sind es doch noch mehr? Die Knospe enthüllt vier Blüten, so denke ich zumindest. Die beiden schnellst wachsenden und größten strahlen schon rot, darunter wird sich eine Knospe öffnen, die jetzt noch von weißen Blütenblättern umhüllt ist und die ihr Rot nur erahnen lässt. Und rechts neben ihr, eigentlich noch unter der dritten blassweißen Blüte wächst noch eine ganz kleine Knospe. Sie ist so weiß, dass ich eigentlich keine Hoffnung habe, dass sie jemals erblühen wird, so klein und schmächtig wirkt sie neben den drei größeren Knospen.

Noch sind die Tragblätter ganz grün und umhüllen die vier Blütenknospen mit einem sicheren Mantel. Doch jeden Tag weichen sie ein Stück zurück und geben den Blüten ihre Freiheit, mehr und mehr. Zusehends weichen sie weiter zurück und sind kaum mehr zu sehen. Sie haben ihren Dienst getan und werden nun jeden Tag kraftloser und brauner und welker und vertrocknen schließlich ganz.

Dafür entfaltet sich nun die größte der roten Knospen. Zaghaft und vorsichtig öffnen sich rechts und links zwei ihrer Blätter. Wie ein Schmetterling seine Flügel in das Licht ausstreckt, um sie erhärten zu lassen, wenn er aus seinem Kokon schlüpft. Geduldig warten die drei Geschwister, bis sich die größte von ihnen weiter öffnet. Nach den beiden ersten Blütenblättern öffnet sie sich nun nach oben und nach unten. Zwei breite Blütenblätter strecken sich mit feiner Spitze und kräftig rot nach oben. Zwei weitere Blütenblätter strecken sich nach links und nach rechts aus,  und wieder zwei nach unten hin wie zwei Buchseiten, von denen man lesen kann. Samtig rot sieht die ganze Blüte nun aus mit den gelb gepunkteten Staubgefäßen und einem Ansatz von dem dreilappigen Griffel, der Narbe.

Am nächsten Tag entfaltet sich auch die zweite Blüte. Sie öffnet sich wie ein Ballon. Mit allen Blütenblättern gleichzeitig umhüllt sie ihre Staubgefäße und lässt nun geheimnisvoll in ihr Inneres blicken. Die dritte Blüte hat nun auch die rote Farbe bekommen und drängt darauf, ihre Spitzen zu öffnen. Nur die kleine weiße vierte Knospe ist kaum noch zu sehen. Sie wird verdrängt von den drei großen mächtigen Blüten. Sie wächst auch nicht mehr. Oder ist ihre Zeit nur noch nicht gekommen?

Am Nikolaustag gibt es, wie Sie wissen, immer eine Überraschung. So auch hier bei der Amaryllis. Ich habe einmal die Perspektive gewechselt und – welch eine Überraschung!  Auf ihrer Rückseite hatte sich in den letzten Tagen noch eine Blütenknospe gebildet. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass hier eine Knospe wuchs, die schon ganz dick war und rot. Die grünen Tragblätter gaben sie jetzt erst zur Hälfte frei. Mit Macht drängte sie an das Licht, schmiegte sich an die schon erblühten drei anderen, als wolle sie sagen: „Ich bin auch noch da. Macht mir doch Platz!“ und den nahm sie sich.

Schon am nächsten Tag überragte sie die anderen drei, öffnete sich glockenförmig und legte sich ganz vorsichtig auf die anderen drei. Die hatten inzwischen alle ihre Blütenblätter zu allen Seiten ausgestreckt, nach links, nach rechts, nach unten, nach oben. Als ich sie fotografierte, sah die Blütenpracht aus wie ein roter Engel, der seine Flügel nach allen Seiten hin ausspannte. Ich selber fühlte mich beflügelt, als ich diese vollkommene Schönheit sah. Von der kleinen weißen Knospe dagegen war gar nichts mehr zu sehen. Wie erwartet, sie war zu klein, um sich gegen diese vier großen durchzusetzen - meinte ich.

Alle vier Prachtblüten setzten dem Schaft eine Krone auf, aus der die gelben Staubgefäße und die dickeren Griffel wie goldene Punkte leuchteten.

Es dauerte nur zwei oder drei Tage bis sich die vier Blüten jede zu einer anderen Seite hin beugte. Was bedeutet das? Sind sie etwa schon verblüht?

Weit gefehlt. Sie beugen sich zur Seite um weiteren zwei Blüten Platz zu machen. Da ist sie ja wieder zu sehen, die kleine unscheinbare weiße Knospe. Sie nimmt allmählich auch die rote Farbe an, wie ihre größeren Geschwister. Und da, da kommt über ihr ja noch eine Knospe hervor, schon viel größer, als sie. Insgesamt will diese eine Amaryllis also mit sechs Blüten leuchten. Welch ein Wunder: In so einer kleinen grünen Knospe wachsen 6 Blüten heran. Und die Großen machen den Kleineren Platz, ein richtiges Adventswunder.  

Im Gegenlicht des neuen Morgens wirken die vier großen Schwestern transparent, als nähmen sie sich selbst nicht mehr so wichtig, sie machen die Bühne frei für ihre beiden kleinen Geschwister.

Während der erste Blütenschaft sehr beschäftigt ist, auch die kleinsten Knospen groß werden zu lassen, wächst etwas unterhalb dieser Blütenkrone der zweite Schaft heran. Und noch mehr: Auch seine dicke grüne Knospe platzt auf, die Tragblätter geben erneut einer Blüte Platz. Am Abend bemerke ich erst eine Blüte. Am nächsten Morgen platzen mit der gleichen Bestimmtheit und doch so leise und zart schon zwei Knospen aus den Tragblättern heraus, eine dritte wächst unter den beiden oberen heraus, noch ganz weiß.

Und was geschieht an der ersten Blütenkrone? Die dicken Blüten werden kraftloser. Sie beugen ihre einzelnen Blütenblätter nach hinten hin weg. Hervorstechend sind nur noch die Staubgefäße mit ihren kräftigen Narben, als wollten sie noch ein letztes Mal dazu auffordern, sie zu bestäuben. Die zwei Nachzügler werden größer und die eine, der ich zu Anfang keine Chance gegeben hatte,  bläht sich auf wie ein Ballon und öffnet ihr Geheimnis. Tief in ihr spiegelt sich das Licht der Kerze wider.

Und die zweite unscheinbare Knospe? Sie ist auch größer geworden, aber sie kommt nicht mehr voran. Es sieht so aus, als ob das trocken gewordene Kelchblatt ihr noch Halt gibt. Doch beide haben nicht mehr die Kraft gegen das Blühen des letzten Sterns anzukommen. Aus dem ehemals kräftigen Kelchblatt ist sämtlicher Saft gewichen, die einzelnen Poren werden sichtbar im Gegenlicht. Es ist verwelkt. Mit aller Kraft öffnet sich an der trockenen kleinen Knospe noch zaghaft ein Blütenblatt, aber es erstarrt wie das vertrocknete Kelchblatt.

Wie können die beiden auch noch die Kraft aufbringen gegen die aufblühende Krone an dem Nachbarschaft?! Das geht nicht mehr. Denn die neue Blütenkrone will blühen. Kraftvoll schiebt sie einen Stern nach dem anderen an das Licht. Weihnachten rückt näher und sie alle wollen rechtzeitig zum Erblühen des wirklichen Wunders leuchten, so wie der Stern von Bethlehem auch den Hirten und den Weisen aus dem Morgenland auf dem Weg zur Krippe geleuchtet haben. Es scheint mir so, als habe die erste Blütenkrone im Advent hingewiesen auf das Wunder und die zweite Blütenkrone darf nun zur Geburt unseres Heilandes voll erblühen. Und das tut sie, eine Blüte nach der anderen leuchtet und das Licht der Kerze scheint ganz hell auf die samtroten Blüten, während auf dem anderen Blütenschaft die Vergänglichkeit Raum einnimmt. Die Blüten geben ihren Lebenssaft zurück an die Zwiebel, werden trockener und trockener und sogar der Blütenschaft selber trocknet aus und knickt ein. Noch etwas Wunderbares geschieht an dem noch üppig blühenden Kronendach. Eine ganz kleine Knospe – der ich auch kein Wachstum mehr zugetraut hatte – bekommt Platz von ihren größeren Geschwistern und blüht am Heiligen Abend auf. Sie ist wohl nicht größer als 2 cm. Und doch blüht sie auf mit blassem Rot und winzig klein als sage sie mir: „Hallo, ich bin zwar ein Mini, aber zum Fest blühe ich auf und leuchte auf das Wunder der Weihnacht!“ Noch über Weihnachten hinaus leuchtet die Blütenkrone. Aber dann verwelkt sie auch und knickt ab. Zum neuen Jahr wächst neues Leben aus der Amarylliszwiebel heraus wie neue Hoffnung. Drei grüne Blattspitzen treibt die Zwiebel hervor, dann vier und nun schon wieder mehr.

Nach der Blütezeit, die von Dezember bis zum Februar dauern kann, geht die Zwiebel tatsächlich über in ihre Wachstumsphase, die bis Anfang August dauern kann. In dieser Zeit entwickelt sie ihre starken grünen Blätter. Von August bis Anfang Dezember geht sie in ihre absolute Ruhephase. Die Blätter müssen abgeschnitten werden. Sie braucht nun kein Wassermehr bis sie Anfang Dezember wieder in eine neue Blühphase eintritt und sich das Wunderihrer Sterne wiederholt.

Hier bei uns in Deutschland wird die Amaryllis auch „Ritterstern“ genannt. Ursprünglich kommt sie aus Südamerika und eine ihr verwandte Blume aus Südafrika. Entdeckt wurde sie von dem schwedischen Naturforscher Carl von Linée. Er verglich ihre Blüte mit einer wunderschönen Frau, die zuerst allerdings sich selbst erblühen lässt, bevor sie ihre Blätter wachsen lässt. Den Namen Amaryllis hat er der Blume von der Hirtin Amaryllis in der griechischen Mythologie gegeben. Diese Hirtin liebte Alteo, der aber ihre Liebe nicht erwiderte. Dort aber, wo sie sich zum ersten Mal geküsst hatten, erblühte aus einem Blutstropfen der Hirtin diese wunderschöne rote Blume, die Amaryllis oder der Ritterstern, der nun jedes Jahr zu Weihnachten blüht, und für das Wunder der Weihnacht leuchtet.

Erfreuen wir uns an ihren üppigen Blüten und gehen wir mit Hoffnung in das neue Jahr mit ihren wachsenden grünen Blättern, gönnen wir ihr die Ruhezeit bis in den Dezember, wenn sie wieder zu blühen beginnt für das Wunder der Weihnacht.

Herzlich grüße ich Sie 

Karin Niederkrome

Bleiben Sie behütet!