Begeisterung

 

von Karin Niederkrome

 

Viele Gedichte und Lieder habe ich im Laufe meines Lebens gelesen, gehört, interpretiert und gesungen.

Ein Lied begleitet mich von Kindertagen an.

Zum ersten Mal habe das Lied gesungen im Kindergottesdienst, als ich vielleicht acht Jahre alt war. Der Kindergottesdienst fand jeden Sonntagmorgen von 11:00-12:00Uhr in einem Klassenraum in unserer Schule statt.

An diesem Sonntagmorgen gab es mehrere Besonderheiten. Zu Hause ging alles so schnell mit dem Aufbruch zum Kindergottesdienst. Meine kleine Schwester durfte nicht die Kleidung anziehen, die sie wollte. So war die Zeit knapp geworden nach langem Hin und Her zwischen meiner Mutter und meiner Schwester, bis wir uns endlich auf den Weg machen konnten. Zudem fing es auf dem Weg zur Schule an zu regnen und wir wurden ziemlich nass. Zu spät kamen wir in dem Kassenzimmer an, aus unseren Haaren triefte das Wasser auf unsere Schultern und unsere Kleidung. Aber Fräulein Kramer war sehr nett und wir fanden hinten im Raum noch zwei Plätze für uns an der Wand und ziemlich im Dunkeln.

Zwischendurch wurde der Groschen eingesammelt. Genauso wie das Geld bei den Erwachsenen eingesammelt wurde, im Klingelbeutel im Gottesdienst in der Marktkirche in Detmold. Das fand ich immer besonders schön, dass wir etwas abgeben konnten. Leider hatten wir unseren Groschen zu Hause liegen gelassen und wir konnten nichts in den Korb legen.

Ich war sehr traurig!

Die Geschichte vom Mann, der sein Haus auf dem Felsen baute und nicht auf den Sand, wurde von Fräulein Kramer sehr anschaulich erzählt (Matth. 7, 24-27). Sie malte den Anfang aus, ließ uns erzählen und Vermutungen anstellen, fasste zusammen. Das Bild stand deutlich vor meinen Augen, ich war sehr angetan. Ich machte aber nicht mit, weil ich so traurig war. Zum ersten Mal sangen wir das Lied und sprachen danach darüber:

Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit.

Den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit.

Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“

Die Geschichte und das Lied trösteten mich und ich dachte: „So musst du es machen! Nicht traurig sein über solche Kleinigkeiten wie heute Morgen! Das will Gott ja gar nicht!“ Der kluge Hausbauer hat seine Hände nicht in den Schoß gelegt, sondern hatte sein Haus bewusst auf den Felsen gebaut, damit es Bestand hat, wenn die das Wasser und der Sturm in sein Leben kommen.

Also nicht beleidigt sein, sondern etwas ändern! Immer noch denke ich an diesen Sonntagvormittag, ich ging fröhlicher nach Hause und erzählte meiner Mutter voller Begeisterung von diesem klugen Mann.

Später habe ich selber den Kindergottesdienst in unserem Dorf gehalten, Fräulein Kramer ist mein Vorbild beim Erzählen geblieben.

Das Lied begegnete mir wieder am Torbogen eines alten Fachwerkhauses, das im19.Jahrhundert in Öttern-Bremke abgebaut wurde und in Berlebeck wieder aufgebaut worden ist. Ich meine den Torbogen am Elternhaus meines Mannes.

Sie können sich vorstellen, wie ich gestaunt habe, am Torbogen zu lesen:

Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn alle Zeit“ Ich fühlte mich wohl und erinnerte mich. Ich hatte etwas Vertrautes wiedergefunden.

Inzwischen war ich 18 Jahre alt geworden und größere Probleme und Sorgen, als die damals im Kindergottesdienst, kamen und gingen. Aber immer begleitete mich das Lied, jetzt auch seine zweite Strophe, die ich als Kind nicht verstand:

Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach?

Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach?

Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“

Mit dieser Strophe habe ich gelernt, dass es unnötige Energieverschwendung ist, wenn ich mich von meinen Sorgen erdrücken lasse und wenn ich mein Leben von meinen Sorgen bestimmen lasse. Natürlich sind die Sorgen da, die Probleme, natürlich belasten mich die Sorgen und machen mich traurig, natürlich denke ich darüber nach, wie ich sie lösen kann und nicht übermächtig werden lasse. Mir hilft es, an diese Liedstrophe zu denken. Sie bringt mich wieder in ein Gleichgewicht mit mir selbst. Ich denke sie und merke, dass ich ruhiger und gelassener werde. Die Sorgen sind da, aber es hilft nichts, nur zu klagen und nur sich selber zu bedauern. Dadurch werden die Sorgen nicht verschwinden. Ich setze mich mit meinen Sorgen auseinander, manchmal finde ich Lösungen, manchmal nicht. Aber ich lasse nicht zu, dass sie Macht über mein Leben bekommen. Ich möchte mein Leben zuversichtlich leben, mit einem „Trotz alle dem!“. Ich weiß, dass meine Lebensqualität leidet, wenn ich meinen Sorgen einen zu großen Raum gebe.

So ist dieses Lied auch wohl von seinem Verfasser Georg Neumann gedacht worden. Er schrieb es 1641 in Kiel, also in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Auf dem Weg von seiner Heimatstadt Mühlhausen in Thüringen zu seinem Studienplatz in Königsberg wurde er überfallen und ausgeraubt. Er konnte wegen des Krieges nicht in seine Heimat zurückkehren, der Weg war versperrt durch feindliche Truppen. Sein Studium musste ruhen. Er schlug sich nach Hamburg, später nach Kiel durch und suchte dort zunächst vergeblich eine Anstellung als Hauslehrer, was ihm erst nach vielen Monaten gelang. Aus dieser Dankbarkeit heraus, dass er nun endlich eine feste Anstellung hatte und eigenes Geld für seinen Lebensunterhalt verdiente, schrieb er das Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten.“, beides Text und Melodie. Für ihn war es ein Trostlied, viele andere nennen es ein Vertrauenslied. Er überarbeitete es 1657 in seine heutige Fassung.

Das Lied wird in vielen Ländern gesungen, z.B. auch in der Schweiz und in Dänemark.

Berühmte Musiker haben sich des Textes und der Melodie angenommen. Der berühmteste ist wohl Johann Sebastian Bach. Für den 5. Sonntag nach Trinitatis schrieb er die Choralkantate BWV 93 und später weitere Kantaten zu dem Lied. Er übernahm einige Strophen wörtlich, andere schrieb er um. Die Melodien dieser Kantaten orientierten sich aber vorwiegend an der Originalmusik.

Weitere Komponisten, die dieses Lied in ihrem Repertoire bearbeiteten sind Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms in seinem Deutschen Requiem, Robert Schumann und viele andere.

Es hat sich ergeben, dass ich Lehrerin mit den Fächern Religion, Deutsch und Kunst geworden bin. Das war ein guter Weg für mich und für unsere Familie. Ich fühlte mich auch in dieser Entscheidung an die Hand genommen. Und es war der richtige Weg.

Es kam eine Zeit, in der die Sorgen übermächtig wurden, das Beten dieses Liedes wurde für mich ganz wichtig. Nun war es die dritte Strophe, die Licht in das Dunkel brachte und mich tröstete:

Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt,

wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt;

Gott, der sich uns hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.“

Geduld ist gefragt, ein wenig stille halten, das fällt uns allen so unendlich schwer. Wir sind es gewohnt uns darzustellen, uns zu behaupten, auf unser Recht zu pochen, auf unseren Ansprüchen zu bestehen. Das funktioniert oft recht gut. Aber es gibt auch Momente und Tatsachen, die wir einfach nur annehmen und akzeptieren müssen. Wir wissen nicht, warum. Es gibt auch keine Antwort auf diese Frage oder keine schnelle Antwort.

Aber wir haben wieder die Wahl: Wir können hadern und verzweifeln und zerbrechen oder wir können das Schwere annehmen in Geduld und Zuversicht. Sehr schwer, und es dauerte dieses Mal lange, stille zu sein und zu tragen. Ich musste lernen, anzunehmen, zu akzeptieren, dass wir manchmal nichts mehr machen können. Im Gebet bringe ich mein Leid vor Gott und hoffe darauf, dass er weiß, was mir jetzt fehlt, jemand, der zuhört, ein Händedruck, eine Umarmung, ein gutes Wort.

Aber auch die andere Überlegung: Wir dürfen und wir sollen trotzdem in uns selbst vergnügt sein. Das heißt für mich: Wir dürfen in uns selbst gelassen sein, wir müssen nicht zerbrechen an dem Leid, wir müssen uns nicht verschließen. Ich vertraue darauf, dass es mein Weg ist, den ich gehen muss und mit Hilfe auch gehen kann. Diese Zuversicht lässt mich nicht zusammenbrechen, sondern lässt mich das Schwere tragen, weil Gott es mitträgt. So werde ich ruhig oder ruhiger und kann mich auch wieder öffnen.

Die 7. Strophe ist wie die anderen Strophen ein Leitfaden für mein Leben:

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu

und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu.

Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“

Vom Singen, Beten und vom Vertrauen ist die Rede. Ja, ist denn das nicht ein bisschen wenig? Ich finde nicht! Es ist alles darin enthalten, was ich zum Leben brauche:

Zum einen: Fröhlich mit anderen oder alleine zu singen, die Freude durch das Singen zum Ausdruck bringen, mit anderen zu feiern, zu lachen, zusammen zu sein, Gemeinschaft zu haben, sich miteinander auszutauschen.

Zum anderen: Nachzudenken in der Stille, im Gebet, inne zu halten, sich zu besinnen, nichts zu überstürzen und loszulassen und abzugeben in andere Hände und in Gottes Hand.

Zum dritten: Vertrauensvoll nach vorne zu blicken, zu hoffen, sich darauf zu besinnen, was jetzt, in diesem Moment, meine Aufgabe ist, und mich zu fragen, was ich für andere und für mich tun kann. Die Freude der anderen wird mir zur Freude.

Zum letzten Satz fragen nun einige: „Bist du sicher, dass Gott dich nicht verlässt? Ich habe schon schlechte Erfahrungen in meinem Leben gemacht!“

Ich doch auch! Aber ich wünsche mir, dass ich immer wieder neu begeistert werde!“