Predigt auf der Adlerwarte

von Iris Opitz-Hollburg

Liebe Gemeinde!

Wir leben zwischen den Zeiten. Eben noch wurde Christi Himmelfahrt gefeiert und am kommenden Sonntag ist schon wieder Pfingsten. Und jetzt sind wir in guter Nachbarschaft mit Heiligenkirchen und unseren Glaubensgeschwistern aus Helpup und Detmold hier oben auf der Adlerwarte. Jahr für Jahr in großer Treue.

Immer wieder ist es der wundervolle Blick hinüber auf die Gauseköte und zur Falkenburg, der uns ins Schwärmen geraten lässt über Gottes wunderbare Schöpfung. Da singt man aus vollem Herzen mit: „Geh aus mein Herz und suche Freud. Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie dir und mir sich ausgeschmücket haben.“ Gott meint es wirklich gut mit uns!

Bei genauerem Betrachten, wenn wir hinauf zur Falkenburg oder hinüber zur Vogeltaufe laufen, dann wird aus diesem Staunen ein wehmütiges „das kann doch nicht wahr sein!“ Ein Kahlschlag ungeahnten Ausmaßes. Die heißen Sommer der vergangenen Jahre mit großer Trockenheit machten die Fichten schwach und zu einem gefundenen Fressen für den Borkenkäfer. Eine stille Anklage und der Ruf zur Umkehr.

„Wir wissen ja: Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt“ so schreibt es Paulus an die Römer. Wie wahr! Möchten wir einstimmen. Wie wahr!

Ist damit alles gesagt? Nur Seufzen und Stöhnen?

Natürlich nicht. Auch das kann man erkennen, wenn man mit offenen Augen durch den „niedergeschlagenen“ Wald hier vor unserer Tür geht: Auf den kahlen Flächen erkämpfen sich zaghaft die noch winzigen jungen Bäume den Weg zum Licht. Voller Hoffnung.

Hören wir auf den Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht im 8. Kap. des Römerbriefes in den Versen 26-30.

Wir leben zwischen den Zeiten. Sowie die Jünger Jesu. Eben noch standen sie mit Jesus auf dem Berg. Er hatte sie gesegnet. Noch schauen sie zum Himmel und sehen noch vor sich, wie Jesus in einer Wolke in den Himmel emporgehoben worden war. Die Wolke das alte Bild für Gottes Gegenwart. Jesus ist wieder dorthin zurückgekehrt, woher er gekommen war. Aus dem Himmel herab Mensch geworden. Nun sind Vater und Sohn wieder zusammen. Dort im Himmel. Von dort wird er wiederkommen. Auch das hat Jesus versprochen. Darauf warten wir.

Wir leben zwischen den Zeiten.

Das Seufzen der vergänglichen Schöpfung ist manchmal wie eine stille Anklage und dann wie ein lauter Protest:  „Gott, wo bist du? Gott siehst du, was hier auf der Erde geschieht? Hast du im Blick, was Menschen einander antun? Und dann auch noch in deinem Namen? Sind sie denn von dir und allen deinen guten Geistern verlassen?“

Solche Fragen müssen die Menschen in Rom bewegt haben. Paulus beantwortet sie in seinem Brief. „Ihr habt Recht so sieht es aus. Die Schöpfung in ihrer Vergänglichkeit malt es uns vor Augen. Aber vergesst nicht, liebe Mitchristen in Rom, liebe Mitchristen hier auf der Adlerwarte: Wir sind nicht ohne Gott, wir sind nicht ohne Jesus. Denkt daran, was Jesus seinen Jüngern versprochen hat, ehe er zu seinem Vater in den Himmel heimkehrte: Der Tröster, der Heilige Geist, wird bei euch sein. Er wird euch immer wieder an meine Worte erinnern und wird euch eine Hoffnung ins Herz legen, die über dieses Leben hinausreicht. Dieser Geist ist in euch.“

Mit diesem Geist leben wir. Zwischen den Zeiten.

Wie sollen wir uns das vorstellen mit dem Geist, den Jesus versprochen hatte? Auch das ist keine neue Frage. Zu Lebzeiten wurde Jesus sie selbst gestellt. „Was ist das mit dem Geist, den wir sogar den Heiligen nennen?“ Der interessierte Nikodemus war bei Nacht zu Jesus gekommen und wollte es von ihm wissen. Jesus hat es Nikodemus so erklärt: „Der Geist ist wie der Wind. Er weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.“

Ja, wir können den Heiligen Geist nicht sehen, - aber fühlen.

Wir können seine Wirkungen erkennen.

Manchmal reden wir von einem guten Geist, der in einem Haus, in einer Gemeinschaft herrscht. Hier sind Menschen von Gottes Geist erfüllt. Da wird Gutes von Gott geredet, da wird in seinem Namen anderen Gutes getan. Oft ist es ein Ort der Stille und des Nachdenkens, des Gebetes: Gedanken, Sehnsüchte, Fragen, Dank und Bitten werden vor Gott ausgesprochen.

Manchmal komme ich mit Menschen über das Gebet ins Gespräch und sie sagen mir: „Also, das kann ich mir nicht vorstellen, dass Gott alle Gebete erhören soll. Wie soll das gehen, Milliarden von Menschen beten zu Gott und womöglich alle noch gleichzeitig?“

Ja, zugegeben. Das ist ein verwegener Gedanke. Aber Gott ist so anders, übersteigt alle unsere Vorstellungen, dass ich ihm das zutraue.

„Dies geschieht in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist“, schreibt Paulus an die Christen in Rom.

Und sie fragen noch weiter, weiter als meine Gesprächspartner zum Beten: „Aber Paulus, wie soll Gott denn wissen, was uns bewegt, wenn wir doch nicht einmal wissen was wir beten sollen?“

Auch das ist eine Frage, die mir immer wieder begegnet: „Mir ist das so fremd. Ich würde gerne beten, aber ich kann es nicht!“

Paulus antwortet den Römern: „Sorgt euch nicht, Gott weiß doch, was euch bewegt. Sein Geist ist doch in euch. Und der bringt für euch alles vor Gott, auch wenn ihr das nicht könnt“.

„Wir wissen doch nicht einmal, was wir beten sollen?“ Mir ist das doch auch nicht fremd: Mein Kopf ist so voll mit allem, was ich bedenken und erledigen will. Dann will ich mir Zeit nehmen und mich auf Gott konzentrieren. Ich bin ganz auf das Hören eingestellt. Aber meine Gedanken gehen schon wieder auf Wanderschaft. Bete ich dann überhaupt?

Vom mittelalterlichen Theologen Bernhard von Clairvaux wird folgendes erzählt: bei einer Visitationsreise kommt er mit einem Bauern über das Beten ins Gespräch. Bernhard klagt: „Das Beten fällt mir oft so schwer.“

„Ach,“ sagt der Bauer, „nichts leichter als das. Ein Vaterunser das geht doch immer.“

„Meinst du,“ sagt Bernhard. „wenn du es schaffst, das Vaterunser zu beten ohne dass deine Gedanken auf Wanderschaft gehen, dann bekommst du mein Pferd.“

Das ist ein guter Vorschlag. Der Bauer geht beiseite um still das Vaterunser zu beten.

Plötzlich schreckt er auf.

„Was ist?“ Fragt ihn Bernhard.

„Ach,“ sagt der Bauer, „kaum fange ich an das Vaterunser zu beten, habe ich mich gefragt, ob denn das Zaumzeug für das Pferd auch bekomme.“

Eine Anekdote, sicher. Aber doch die berechtigte Frage: Ist das richtiges Beten, wenn ich das Vaterunser einfach so bete, ohne jede einzelne Bitte in der Tiefe zu erfassen? Paulus sagt: „Ja“, denn Gott weiß, was in deinem Herzen vorgeht. (Manche erinnern sich, die Konfirmanden haben diese Fragen in ihrem Vorstellungsgottesdienst zum Thema gemacht.)

Paulus denkt von Gott her und auf ihn hin. Gott sagt zu uns: „Ich weiß“.

So wie Eltern ihre kleinen Kindern auch ohne Worte verstehen. „Ich weiß, was du willst.“ Das ist es. Das Kind spürt, es braucht gar nicht so genau zu sagen, was es meint. Es ist geliebt. Es ist angenommen. Es ist aufgehoben in der Liebe der Eltern.

„Wir wissen nicht, was wir beten sollen.“

 „Ich weiß,“  sagt Gott. Gott hat uns schon längst verstanden. Dieses Vertrauen, dass Gott uns versteht, das wirkt der Heilige Geist in uns.

Und dann schreibt Paulus diesen wunderbaren Satz: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“. Ja, das glauben wir Christen. Wir sind nicht blind und sehen und hören das Seufzen der vergänglichen Schöpfung und der Menschen. Durch Gottes Geist bewegt versuchen wir in Jesu Spuren unterwegs zu sein mit dem, was er seine Jünger gelehrt hat: Frieden zu suchen mit allen Menschen, das Böse durch das Gute zu überwinden, um Verzeihung zu bitten und Vergebung zu gewähren. Durch seinen Geist die Anderen ins Gebet nehmen, in diesen Tagen auch besonders unsere Politiker. Um Besonnenheit, Dialogbereitschaft und den Geist des Friedens in ihren Herzen beten wir.

So ist das mit dem Geist, von dem Paulus hier spricht: Er verbindet Gott und uns Menschen, er verbindet uns Menschen untereinander und er verbindet uns mit uns selbst. Ja, auch das. Mit dem, was uns mit uns selbst Mühe macht. Wenn ich so gerne vergeben möchte, es aber nicht hinbekomme. Dann weiß Gott auch das und durch den Heiligen Geist kommt es bei ihm an. Und er schaut es an und wenn darum gebeten wird, dann vergibt er an meiner Stelle. Das dürfen wir glauben. Denn „Denen, die Gott lieben, wirkt Gott selber alle Dinge zum Besten.“

Wie schön, dass wir diesen Blick hier hinüber genießen dürfen und uns auch auf diese Weise an Gottes Wohlsein für uns erinnert werden. 

Amen