Pessach und Ostern

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses ist der erste Vollmond nach Frühlingsanfang, den ich heute Morgen, am 28.März 2021, fotografiert habe.

Warum ist gerade dieser Vollmond so wichtig?

Er war in diesem Jahr z.B. wichtig, um das gestrandete Containerschiff „Ever Given“ im Suez-Kanal zu befreien. Durch den Vollmond fiel die Flut höher aus und das Schiff konnte befreit werden.

Aber es gibt eine viel wichtigere Bedeutung des 1. Vollmondes nach Frühlingsanfang:

In alter Zeit haben Menschen festgelegt, dass der Frühlingsanfang am 21. März beginnt, dem 14. Nisan nach einer alten Kalenderberechnung. Auf dieses Datum einigten sich viele Völker zunächst rund um das Mittelmeer, dann aber auch in anderen Ländern.

In dieser Woche um den 14. Nisan herum begehen die Juden ihr Passah Fest, oder Pessach. Es findet immer nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang statt. Pessach erinnert an den Auszug aus Ägypten.

Der Pharao wollte Mose und sein Volk nicht aus Ägypten, aus der Versklavung, fortziehen lassen, wertvolle Arbeitskräfte gingen dadurch ja verloren. Nach den neun Plagen die Gott dem Volk der Ägypter schickte, ließ der Pharao das Volk Israel immer noch nicht fortziehen.

Dann schickte Gott den Ägyptern die schlimmste Plage: Die Tötung der Erstgeburt. Der erstgeborene Sohn, das erstgeborene Vieh. Den Hebräern hatte Gott zuvor geboten, das beste Lamm zu schlachten und mit dem Blut ihre Türpfosten einzustreichen. Dann würde der Engel des Herrn in dieser Nacht an diesem Hause vorbeigehen.

Da haben wir schon den Namen erklärt: Passah oder Pessach heißt: Vorüberziehen, gnädiges Vorüberziehen. Der Engel des Herrn zieht an dem Haus vorüber.

Sie wissen, dass das Volk erst nach 40 Jahren im gelobten Land, der neuen Heimat ankommt. Aber in jedem Jahr wurde und wird an dieses gnädige Vorüberziehen in Ägypten erinnert, an das Fest des Vorüberziehens.

Schon einige Zeit vor dem jüdischen Fest, das immer nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang gefeiert wird, gibt es eine Menge vorzubereiten. Der älteste Sohn in der Familie fastet in der Woche vor dem Fest in Erinnerung daran, dass die Erstgeburt der Ägypter getötet worden ist, die Hebräer aber verschont geblieben sind.

Die Hausfrau putzt das ganze Haus. Es darf nicht einziger Krümel gesäuertes Brot mehr in dem Hause sein. Zum Schluss geht die Hausfrau mit einer brennenden Kerze durch das Haus und leuchtet in jeden Winkel, damit auch wirklich kein Krumen gesäuertes Brot mehr im Haus ist.

Dann beginnt sie, das Pessach-Geschirr aus einem besonderen Schrank zu holen und kocht es ab, damit es rein ist. Es wird nur an diesen hohen Festtagen benutzt, neben den anderen beiden Geschirren und Töpfen. Sie hat für Speisen mit Milch ein besonderes Geschirr und für Speisen mit Fleisch wieder ein anderes. Niemals darf Milch und Fleisch zusammen in einem Topf gegart werden oder auf einem Teller serviert werden, deshalb hat jeder Haushalt zwei verschiedene Geschirre und zwei Topfsets und dazu noch das Pessach-Geschirr.

In der ersten Zeit wurde das Lamm noch in den Häusern geschlachtet. Heute nicht mehr, sondern bei einem Schlachter. Man holt das Fleisch ab und kocht es. Es wird nicht gebraten nach der Weisung, die Mose erhalten hat, sondern nur gekocht und verzehrt. Geröstet wird nur ein Knochen, der dann auf dem einem Teller liegt.

Am Abend vor dem Pessach wird der Sederabend gefeiert, denn dann beginnt das einwöchige Pessach-Fest, wie jedes jüdische Fest am Vorabend beginnt und an einem Abend wieder endet.

Das Pessach-Fest erinnert sowohl an die Armut vor dem Auszug aus Ägypten, als auch an die Freiheit, die das Volk danach genießen konnte. Alles, was am Seder-Abend, dem ersten Abend des Festes, auf dem Tisch steht und die gesamte Feier erinnert immer an beides: Die Armut und den Reichtum, an das Leid und die Freude.

Der Sederabend wird möglichst mit der ganzen Familie gefeiert, wie es auch in Ägypten in der Nacht vor dem Aufbruch gewesen ist. Allerdings gab es in Ägypten nicht so einen gedeckten Tisch wie am heutigen Sederabend. Es wurde vor dem Aufbruch noch schnell ungesäuertes Brot gebacken, das man mit auf die Flucht nahm. Brot ohne Sauerteig und ungesalzen. Noch heute wird in der Woche des Pessach-Festes eine Woche lang nur ungesäuertes Brot gegessen, die Mazzen, damit das Volk niemals den Aufbruch aus Ägypten vergisst. Vieles von dem, was auf dem Tisch steht, erinnert an die Zeit in Ägypten und die Freiheit danach:

Die Feier beginnt zu Hause nach dem Besuch in der Synagoge. Der Sederleiter, meistens der älteste Mann in der Tischgemeinschaft, spricht den Seder-Segen über den Abend.

Auf dem Seder-Teller liegt ein abgenagter Lammknochen, der an das geschlachtete Tier erinnert, mit dessen Blut die Türpfosten eingestrichen worden sind. Das Blut wurde nach Weisung mit einem Zweig Ysop aufgetragen, auch der liegt auf dem gedeckten Tisch, ein Bitterkraut. Er soll an die bittere Zeit in Ägypten erinnern.

Ein gekochtes Ei liegt auf dem Teller. Es ist ein Symbol für die Trauer, die die Hebräer erleiden musste. Das Ei ist geschlossen, es hat keine Öffnung nach draußen, wie die Trauer, die auch keine Worte nach draußen findet.

Ganz wichtig sind die drei Mazzen, die drei ungesäuerten Brotfladen. Sie werden im Laufe des Abends gebrochen und stückweise verzehrt.

Petersilie liegt auf dem Sederteller, weil es die Würze in die Speisen bringt, etwas Vornehmes. Ein Glas mit Salzwasser erinnert an die vergossenen Tränen in Ägypten. Ein braunes Mus in einer Schale erinnert an die Lehmziegel, die die Hebräer in der Sklaverei anfertigen mussten. Es wird zubereitet mit geriebenen Äpfeln, Zimt, Rosinen, Mandelstiften und rotem Wein. Das Mus erinnert aber auch an die Freiheit, denn nur in der Freiheit kann man sich solch kostbare Zutaten leisten.

Vier Gläser roten Weines stehen um den Sederteller herum. Sie symbolisieren die Verheißungen, die Gott den Hebräern machte:

  1. Ich werde euch aus Ägypten herausführen.

  2. Ich werde euch aus der Sklaverei herausführen.

  3. Ich werde euch erlösen.

  4. Ich nehme euch als Volk an.

Im Laufe des Abends werden diese Gläser getrunken. Kinder bekommen ja nach Alter und Verstehen der Verheißungen von Wasser über gemischten Wein bis zum reinen Wein eingeschenkt.

Kinder spielen an dem Sederabend eine wichtige Rolle. Sie stellen vier Fragen an den Sederleiter, der ihnen die Fragen beantwortet. Kinder lernen an den Sederabenden die Geschichte ihres Volkes und ihres Glaubens kennen.

Es steht noch ein fünftes Glas Wein auf dem Sedertisch. Es steht für die fünfte Verheißung: Und ich werde euch bringen in das Land. Diese Verheißung steht am Sederabend aber noch in der Zukunft, ist noch nicht erfüllt. Deshalb wird dieses Glas Wein nicht ausgetrunken, sondern jeder darf einen Schluck aus diesem Glas trinken, auch als Zeichen der Zusammengehörigkeit im Leid und in der Freiheit.

Aber es wird die Haustür nach dem Füllen dieses fünften Glases geöffnet, man öffnet der Verheißung die Tür, der Erlösung, dem Messias.

Jesus feierte mit seinen Jüngern auch diesen Sederabend, wahrscheinlich genauso wie es oben beschrieben ist. Er hob von dem Sedertisch das ungesäuerte Brot hervor und den roten Wein.

Ich schreibe uns hier den Text aus Lukas 22, 19 und 20 auf:

19 Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

20 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

Für uns ist Jesus der Erlöser geworden, die Verheißung, auf deren Erfüllung die Juden noch warten.

In der Nacht wurde Jesus verraten, am nächsten Tag, am Pessach-Fest, gekreuzigt.

Der darauffolgende Tag war der Sabbat für die Juden, der Ruhetag, an dem der Vollendung der Schöpfung gedacht wird.

Am nächsten Tag, an dem ersten Tag der Woche, drei Tage nach seinem Tod, ist Jesus auferstanden. Wir Christen feiern die Auferstehung. Darum ist der erste Tag der Schöpfung unser Ruhetag, der Sonntag, geworden.

Und wir feiern Ostern am kommenden Sonntag. Ich freue mich schon darauf bei meinen Enkelkindern zu sein und ihre strahlenden Augen zu sehen. Sie strahlen ja nicht so sehr, weil sie sich über die Auferstehung Jesu Christi freuen, so wie ich mich und viele Christen, die sich Ostern begrüßen: „Der Herr ist auferstanden!“ – „Er ist wahrhaftig auferstanden!“. Christen wachen in der Osternacht und feiern früh schon in der Gemeinschaft, vielleicht bei einem Osterfrühstück. Auch in der Kirche wurde so manches Jahr ein Osterfrühstück angeboten. Aber davon sind wir wie schon im letzten Jahr weit entfernt.

Auch die Osterfeuer sind auch in diesem Jahr abgesagt worden, ein Brauch aus der vorchristlichen Zeit, um dem Winter den Garaus zu bereiten.

Ostern findet in ganz kleinem Rahmen statt. Aber ich freue mich so sehr, es mit meiner Familie feiern zu dürfen.

Als Kind war ich ja schon Tage vorher aufgeregt, was der Osterhase wohl bringen würde. Der Hase, der zum Symbol für die Fruchtbarkeit geworden ist, der auch noch Eier legen kann! Viel mehr als Eier brachte der Hase ja auch früher nicht. Aber wir Kinder waren so glücklich, wenn wir bei schönem Frühlingswetter draußen nach den versteckten Eiern suchen konnten oder bei Regenwetter auch im Haus. Schon Tage vorher hatten wir Moos aus dem Wald geholt und im Garten Nester gebaut. Und wir strahlten wir, wenn wir die Nester gefüllt mit Schokoladeneiern oder gekochten und gefärbten Eiern gefunden hatten.

Wie schön war es, wenn wir mit den Erwachsenen spazieren gingen, und unterwegs plötzlich die kleinen Zuckereier fanden. „Die hat der Osterhase wohl schon verloren!“, strahlten wir und gaben sie Opa zur Aufbewahrung, der steckte sie dann in seine Hosentasche und wenig später fanden wir erneut die kleinen Zuckereier.

Und schon lange vor Ostern wurden keine Hühnereier mehr aufgeschlagen. Zwei Löcher wurden in die Eier gestochen und das Ei wurde ausgeblasen und getrocknet. Irgendwann bemalten wir die Eier mit Wasserfarbe oder mit anderen Farben. Aufgehängt wurden die Eier an einem Osterstrauß mit den gerade knospenden Zweigen. Je näher das Osterfest kam, desto schöner blühte der Osterstrauß.

Bis heute hat sich da wenig geändert. Die Kinder malen die Eier an, hängen sie an die Zweige, bauen Nester und suchen am Ostersonntag voller Neugier und Ungeduld den Garten ab in allen Winkeln, ob sie nicht noch mehr Eier finden können.

Unser Osterfest hat genau wie das Pessach-Fest der Juden seinen Termin nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. So schließt sich mein kleiner Text dem Anfang wieder an.

Ich wünsche Ihnen alle gesegnete Ostern mit hellen frohen Gedanken in eine helle und hoffnungsfrohe Zeit hinein und

mit ganz herzlichen Grüßen von

Karin Niederkrome

Bleiben Sie behütet!