Holunder

Liebe Leserin, lieber Leser

am 2. Sonntag nach Trinitatis, am 13. Juni diesen Jahres, wurde im Gottesdienst mal anders auf der Kirchwiese die „Meditation am Wegesrand“ eingeweiht. Es wurde nachgedacht über Pilgerwege und Pausen am Wegesrand und über Lebenswege und Pausen im Alltag. Den Abschluss bildeten Gedanken zum Weitergehen unter Gottes Segen. Es war ein wunderbarer Gottesdienst bei herrlichem Sonnenwetter und warmen Temperaturen. Die Kirchwiese war so schön hergerichtet: Viele Helfer hatten schon vor Wochen das große Birkenkreuz errichtet. Und stellen Sie sich vor: Aus dem Kreuz suchen sich kleine Triebe wieder ihren Weg in das Licht. Das Birkenkreuz lebt weiter.

Vor dem Kreuz ist ein bienenfreundliches Blumenbeet angelegt worden, das schon bald viele Insekten anlocken wird. Steine liegen am Kreuz und es werden bald drei neue Bänke die Wanderer oder Pilger zum Verweilen und Meditieren einladen gegenüber des Kreuzes.

An diesem Sonntag hatte Paul-Gerhard Wächter, der jeden Sonntag für den Blumenschmuck auf dem Abendmahlstisch sorgt, die Wiese optisch etwas kleiner gestaltet mit eingesteckten Zweigen. An den Zweigen und auch am Eingang der Wiese wehten bunten Wimpel. Den Holzzaun am linken Aufgang zur Kirchwiese hatte er geschmückt mit vielen kleinen Glasvasen, leuchtenden Sommerblumen mit gelben Bändern. Alles war so einladend.

Zum Abschluss des Gottesdienstes hatte das Planungsteam für jeden ein Lunchpaket gepackt für den Nachhauseweg. In einer Butterbrottüte fand jeder ein selbstgebackenes Brötchen mit Käse und Tomate. An jede Tüte hing ein kleines Holzkreuz, gebunden aus den abgeschnittenen Zweigen des Birkenkreuzes.

Einen Stein mit einem Segensspruch konnte sich jeder Gottesdienstbesucher zum Abschied mit auf den Weg nach Hause nehmen.

Und die Natur steuerte ihr Bestes zu dem Gottesdienst bei: Die Vögelchen sangen, die weißen Gänseblümchen leuchteten schon wieder aus der frischgemähten Wiese hervor und noch etwas Schönes nahm ich wahr: Über dem Kreuz blühte vor dem blauen Himmel ein strahlendweißer

Holunderstrauch. Es blüht nicht nur ein Strauch dort. Eine ganze Reihe von Holunderbüschen wächst fließend bis zu dem Fußweg an der Kirche hinab.

Nach dem Gottesdienst betrachtete ich die Holunderhecke genauer. Unzählige Dolden warten auf noch mehr Sonne, um bald aufzublühen.

Es mussten ja viele Büsche gerodet werden, als das Kreuz aufgestellt wurde, aber diese Holunderhecke ist stehen geblieben, wie schön.

Ich erinnere mich an unseren Holunderstrauch zu Hause, als ich Kind war. Opa hatte den gesamten Garten in feinster Ordnung gehalten. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Am Samstag war er immer im Garten und jätete das Unkraut, schnitt Verblühtes ab und gruffelte die Beete durch.

„Opa, warum machst du denn den Holunder im Hühnerstall eigentlich nicht weg?“, fragte ich ihn einmal. Der Strauch wuchs hinter der Hühnerleiter direkt an der Hauswand. Die Hühner hatten ihre Schlafkuhlen unter dem Holunder. In der Mittagspause huderten sie gerne im Staub und fanden Schatten unter dem Holunder.

„Einen Holunder darf man doch nicht abhacken. Das geht doch nicht.“ Und so erzählte er mir einiges über die Geschichte des Holunderstrauches.

Das Wort Holunder stammt aus dem Althochdeutschen und besteht aus zwei Wörtern: Holun und Tar.

Holun heißt so viel wie hohl oder heilig.

Das Wort Tar bedeutet Stamm oder Strauch.

Das Wort „hohl“ leuchtete mir ein. Innen waren die etwas dickeren Zweige mit weichem Mark gefüttert. Wir kratzten es als Kinder schon mal aus und hatten ein Pusterohr. Dass der Strauch aber heilig sein sollte, war mir neu.

Der Holunder galt bei unseren ganz frühen Vorfahren als der Baum des Lebens und des Todes. Ein Baumkalender der damaligen Zeit setzt den Holunder in den letzten Monat des Jahres und in den ersten, so ist der Holunder ein Zeichen für das Vergehen und das Werden, für Tod und Leben. Die Vorfahren bestatteten ihre Toten auch möglichst unter einem Holunderstrauch in der Nähe ihrer

Häuser. Sie schenkten dem Holunder eine besondere Bedeutung. Schon deshalb durfte ein Holunder niemals gefällt werden, er galt als heilig und unantastbar. Nur Witwen und Waisen durften seine Zweige abbrechen. Sie seien ja schon bestraft genug und brauchten keine Strafe mehr zu befürchten, wenn sie den Holunder abschnitten.

Es ist bestimmt nicht zufällig, dass es eine Namensverwandtschaft gibt zwischen der germanischen Muttergöttin Holda und dem Holunderstrauch. Die Alten sagten, dass die Göttin in dem Holunder ihre Wohnung habe. Sie sei für das Wohlergehen im Haus zuständig und für das Leben und den Tod im Haus. Sie könne viele Krankheiten heilen und sie schütze die Menschen und die Pflanzen vor Schäden. Sie sei ein Schutz für die gesamte Erde und strahle wie das Himmelslicht, so der Glaube der Germanen. Der Name Holda bedeutet ja auch die „Strahlende“. In dem Märchen Frau Holle haben ihr die Brüder Grimm ein bleibendes Denkmal geschaffen, Frau Holle, die Reine, die alle belohnt, die ihr helfen und freundlich zu jedermann sind, und die die Menschen mit Pech überhäuft, wenn sie faul und unredlich sind.

Nachdem wir Christen geworden waren, hat sich diese Vorstellung trotzdem weiter gehalten. Die Menschen verehrten den Holunderstrauch weiter und maßen ihm viele heilende Kräfte zu.

Bei uns zu Hause gab es im Winter bei Erkältungen immer einen heißen Holundersaft. Den Holunder hatte meine Großtante im Herbst, wenn die Beeren schwarz sind, von den Holunderbüschen auf dem Königsberg gepflückt oder vom nahen Waldrand,, zu Hause mit einer Gabel von den Dolden abgestreift, gekocht und den Saft in die Flaschen gefüllt. Der Saft hatte einen etwas herben Geschmack, geholfen hat er immer. Man musste nach dem heißen Getränk ordentlich schwitzen.

Als ich erwachsen war, habe ich im Frühling selber die Blütendolden gepflückt, gewaschen und in Zitronenwasser 24 Stunden ziehen lassen. Weißes Gelee habe ich davon gekocht. Andere tauchen die Blüten in einen Pfannkuchenteig und backen ihn in Öl aus. Danach werden die gebackenen Dolden mit Zimt und Zucker bestreut.

In Berlebeck hatte sich neben unserem Haus auch ein Holunderstrauch gesamt

und wurde groß. Seine Blüten konnten wir nicht ernten, sie hatten jedes Jahr schwarze Läuse. Trotzdem ließen wie den Strauch wachsen. Manchmal mussten wir ihn vom Wohnzimmerfenster aus beschneiden, wenn er gar zu groß geworden war. Ich pflückte den Holunder im Frühjahr und im Herbst von den großen Holunderbüschen hinter der Hohen Warte. Im Herbst kochte ich Saft und Gelee vom Holunder. Das Gelee war richtig schwarz und herb und wurde nie ganz fest. Aber geschmeckt hat es trotzdem.

Nachdem wir Christen geworden waren, setzte sich an Frau Holles Stelle der Nikolaus, der auf die Menschen aufpasste und ihnen half und sie reichlich beschenkte oder bestrafte.

Anfänglich hielt der Nikolaus einen Holunderzweig in der Hand. Ein Zeichen dafür, dass der Aberglaube um Frau Holle zu Ende sei. Aus diesem Holunderzweig wurde die Rute des Nikolaus, der die braven Kinder beschenkt und die unfolgsamen bestraft. Die Rute wurde abgegeben an den Knecht Ruprecht, damit war der Nikolaus nur noch für die Belohnung der Menschen zuständig.

Erinnern Sie sich an das Lied vom Ringelreihen? Auch da spielt der Holunder für die kleinen Kinder eine zentrale Rolle:

Ringel, Ringel, Reihe, wir sind der Kinder dreie. Wir tanzen um den Hollerbusch und machen alle husch, husch, husch. Die Kinder halten sich dabei an den Händen und gehen im Kreis herum. Zum Schluss hocken sie sich alle hin: husch, husch, husch.

Die Geschichten um den Holunderstrauch haben sich nicht aufgelöst. In Dänemark sagt man heute noch: „Wenn du bei Vollmond unter dem Holunder schläfst, wird dir um Mitternacht der Elfenkönig begegnen.“ Auch in Irland und Russland gehört der Holunder bis heute zu den heiligen Bäumen, von denen man keinen Zweig pflücken darf.

Holunder hat noch andere Namen, wie z.B. Fliederbusch, aber auch Elder oder Ellhorn. Harry Potter z. B. ist im Besitz des mächtigen Elderstabes, das ist nichts anderes als ein Stab vom Elder, vom Holunder. Von dem Wort „Elder“ ist wahrscheinlich das Wort „Elfe“ abgeleitet worden. Die Elfen, die im

Holunderstrauch wohnen. Schläfst du bei Vollmond unter ihm, so wirst du dem Elfenkönig begegnen, wie es ja in Dänemark heißt.

Eine andere Redensart sagt: „Wenn der Holunder zu Johanni blüht, erblüht auch deine Liebe.“ Das wird wohl in diesem Jahr der Fall sein, denn der Holunder kommt jetzt erst, im Juni, zu seiner vollen Blüte. Im April und Mai war es zu kalt. In diesem Jahr beginnt der Holunder nicht im Mai zu blühen, sondern wirklich erst jetzt, im Juni.

Also freuen wir uns darauf, dass zu Johanni, am 24. Juni, der Holunder in voller Blüte steht. Und vertrauen wir darauf, dass auch unsere Liebe erblüht, jeden Tag auf’s Neue. Viele von uns sind vielleicht allein, aber es ist doch ein schöner Gedanke, dass wir uns an unsere Liebe erinnern, und die Liebe, die sowieso in uns ist, weitergeben an andere , nicht nur an diesem Tag, sondern an jedem Tag.

Grund zur Freude haben wir in dieser Zeit auf jeden Fall. Im Moment sind die Inzidenzzahlen so niedrig, dass wir schon einige Freiheiten wieder gewonnen haben. Genießen wir diese Zeit und seien wir trotzdem vorsichtig und rücksichtsvoll, damit es auch weiterhin möglichst wenige Infektionen gibt.

Dass es ganz lange so bleibt, das wünsche ich Ihnen und uns allen

mit freundlichen Grüßen von

Karin Niederkrome

Bleiben Sie behütet!