Liebe Leserin, lieber Leser

das Aprilwetter hat sich den ganzen Monat Mai über gehalten. Es war ziemlich kalt, regnerisch und stürmisch. Gestern hörte ich, dass direkt über Dänemark ein Sturmtief liegt, von dem wir jetzt den Regen und den Wind abbekommen.

Das erinnert mich an einen Frühlingsurlaub im April 1986. Der liegt ja schon viele Jahre zurück, aber der Urlaub hat sich bis heute in meinen Erinnerungen gehalten.

In dem Jahr fuhr ich zunächst allein mit der Schwester meiner Mutter in den Osterferien nach Dänemark. Mein Mann kam mit unserem Sohn eine Woche später zu uns.

Das Wetter auf der Hinfahrt war sonnig und wir hatten uns viel zu erzählen. Hinter der Grenze fuhren wir schon von der Autobahn ab, um Zeit zu haben, das flache Land, die durch Hecken und Fichten geschützten Felder und die kleinen Dörfer zu bewundern und wieder neu zu entdecken. Jedes Mal waren wir von neuem begeistert. Heute war es sehr stürmisch, die Fichten und Büsche bogen sich weg von dem Sturm.

Unser Ziel war der Bjerregård. Bjerregård heißt, dass es der Hof von Bjerre ist. Das Feriengebiet, das vor 35 Jahren noch gar nicht so groß war, war um den alten Hof herum gebaut worden. Das Gebiet liegt an der Westküste Dänemarks auf der Höhe des Ringkøbing-Fjords.

Nach gemütlicher achtstündiger Fahrt kamen wir über einen der Schotterwege an unserem Haus an. Es sah so schön aus: Das Dach war mir Reed gedeckt und umhüllte fast das ganze Haus. Der typische weiße gemauerte Schornstein leuchtete auf dem Dachfirst. Das Holz des Hauses war weiß gestrichen, es hatte Butzenscheiben und eine weit auslaufende Terrasse, die mit einer brusthohen weißen Holzmauer umgeben war. Durch ein Tor konnten wir auf die unebene Heide hinaustreten und rings um das Haus herumgehen.

Den Schlüssel hatten wir uns vom Købmand geholt und nach einigen: „Oh, wie schön sieht das denn aus!“, betraten wir das Haus. Draußen war es einfach zu stürmisch. Ein großes Wohnzimmer empfing uns mit Blick auf die Terrasse

durch die große Fensterfront, die bis in den Giebel gebaut war. Ein großer Kamin fiel auch sofort ins Auge. Der war aus Stein gemauert und so groß und dunkel und alt, wie man es aus englischen Häusern oder Filmen kennt. Das alte Kaminbesteck aus schwarzem Messing nahm noch einmal einen imposanten Platz neben dem Kamin ein. Die offene Küche lag links neben dem Wohnzimmer und das Badezimmer und die drei Schlafzimmer schlossen sich abgetrennt vom Eingang danach in dem rechten Teil des Hauses an. Wir hatten ein richtiges Luxushaus, das wir in vollen Zügen genossen, nachdem wir unsere Koffer durch den Sturm ins Haus geschleppt hatten und uns eingerichtet hatten.

Zu der Zeit waren die Lebensmittel in Dänemark erheblich teurer als hier bei uns. Und so hatten wir nicht nur unser Gepäck in das Haus zu tragen, sondern auch noch die vielen Lebensmittel. Heute gibt es in Dänemark alle Gemüse- und Obstsorten, die es auch bei uns gibt. Damals gab es nur das Gemüse zu kaufen, das in Dänemark auch angebaut wurde: Kohl, Möhren, Sellerie, Porree, Kartoffeln, Salat. Das konnte man auch alles direkt an der Straße beim Bauern kaufen. Es waren kleine Häuschen aufgestellt, direkt an der Landstraße und man nahm sich das, was man brauchte und legte das Geld in eine Blechdose. Niemand kam auf die Idee, weniger Geld in die Blechdose zu legen, als die Ware kostete.

Auch Fleisch nahmen wir für die ersten Urlaubstage mit nach Dänemark. Am ersten Abend kauften wir allerdings frisch geräucherten Fisch in der Røgerie in Hvide Sande, noch einmal einige Kilometer nördlich vom Bjerregård gelegen. Aber welche Rolle spielen schon die Entfernungen in Dänemark und die Zeit?!

Wurst nahmen wir immer für die gesamte Urlaubszeit mit. Die Wurst in Dänemark sah immer nur rot aus. Das mochten wir nicht.

Nach unserer wunderbaren Fischplatte am Abend spielten wir noch ein wenig, ließen den Abend gemütlich ausklingen und gingen früh zu Bett.

Richtig schlafen konnte ich nicht. Der Wind strich heulend um das Haus wie die „Bulderrauende“, die stürmischen Geister in einer Orkannacht, und die Balken im Haus knarrten ringsherum. Immer wieder wurde ich durch den Sturm geweckt. So einen Sturm hatte ich in Dänemark noch nie erlebt. Oder lag es

einfach nur daran, dass mein Zimmer ganz nach Westen hin lag? Irgendwann konnte ich den Sturm und das Knarren im Gebälk nicht mehr ertragen. Ich stand auf und legte mich auf das Sofa im Wohnzimmer und deckte mich mit meinem Oberbett zu.

Kalt war es. Den Sturm hörte ich nicht mehr so laut, aber das Gebälk knarzte weiter und das Kaminbesteck klapperte. Meine Tante schien nichts davon zu hören. Sie schlief fest zum Glück. Im Laufe der Nacht legte sich der Sturm etwas und ich konnte noch ein wenig schlafen.

Meine Tante staunte am nächsten Morgen: „Warum schläfst du denn hier im Wohnzimmer?“ Ich erzählte ihr von dem Sturm in der Nacht. „Hab ich doch nichts davon gehört!“

Wir beide schauten auf den Kamin. Dort, wo sonst das Feuer loderte oder die Asche lag, hatte sich in der Nacht ein hoher Sandkegel aufgebaut. Der Sturm hatte so viel Sand mit sich getragen, dass der sich durch den Schornstein hindurch zu einem großen Berg aufgewirbelt hatte.

Und noch mehr staunten wir, als wir durch das Küchenfenster nach Norden hin sahen auf die unbebaute hügelige Heidefläche. Dort ragte der Sand einer der großen Dünen, die nur wenig entfernt von unserem Haus entfernt standen, wie von mächtiger Hand aus einem Rieseneimer geschüttet, weit auf die Heide hinaus.

In der Nacht musste sich der Sturm zu einem Orkan entwickelt haben. Jetzt war es nur noch ein wenig windig, einige weiße Wolken zogen am blauen Himmel und die Sonne schien.

Dieser neue Tag war ein Sonntag und wir besuchten den Gottesdienst in Lønne. Auf der Hinreise waren wir schon durch das kleine Dorf gefahren und hatten die Zeit des Gottesdienstes im Schaukasten abgelesen. Lønne gehört zu der größeren Kirchengemeinde Henne und die Gottesdienstzeiten wechseln. So viel verstehen konnten wir im Gottesdienst nicht, ich hatte auch noch kein Dänisch gelernt, aber mitsingen konnten wir. Viele Melodien und Texte stammen von deutschen Reformatoren und so sangen wir die Lieder in dänischer Sprache mit

und hörten, wie die Wörter ausgesprochen wurden. Ansonsten bewunderten wir die romanische Kirche mit den alten blaugestrichenen Holzbänken, dem Altarbereich, der uralten Kanzel, den hohen durchsichtigen Kirchenfenstern, den glänzenden Messingkronleuchtern und dem Schiff, das wohl einem echten Schiff nachgebaut worden war, und wie in jeder Kirche von der Decke herabhing. In jedem Gottesdienst wird das Abendmahl, Herrens nadval, gefeiert. Dazu gehen alle, die an der Feier teilnehmen wollen nach vorne in den Altarraum. Dort knien wir uns an dem hölzernen Halbkreis auf eine weich gepolsterte Kniebank. Der Pastor gibt jedem Knienden eine Hostie.

Danach nimmt jeder einen der vielen silbernen Schalenkelch in die Hand, die vor einem umgedreht auf dem Holz stehen. Der Pastor geht mit einem kleinen silbernen Krug zu jedem Gläubigen und schüttet ein wenig Wein in den Kelch. Nach dem Abendmahl stellt man den Kelch gerade wieder hin und alle weiteren Abendmahlteilnehmer wissen, dass der offen stehende Kelch benutzt worden ist.

Nach dem Gottesdienst verabschiedet der Pastor alle Gottesdienstbesucher am Ausgang mit einem Händedruck und „God sundag og farwell!“ Manche Besucher stehen noch ein wenig zusammen. Meine Tante und ich gingen noch über den Friedhof, der in Dänemark immer an der Kirche liegt, und bewunderten die gepflegten Kiesgräber.

Zu Hause bereiteten wir traditionsgemäß für den ersten Sonntag im Urlaub Rouladen mit Bohnensalat und Salzkartoffeln zu und ließen es uns schmeckten. Draußen konnten wir nicht sitzen, es war kalt und zu windig, aber sonnig.

Nachmittags gingen wir zum ersten Mal zum Strand. Wir zogen uns Gummistiefel an, weil wir einen weit überspülten Strand erwarteten. Unser Haus lag ja direkt hinter den hohen Dünen und wir mussten nicht weit laufen bis wir sie erreichten.

Steil ging es die Düne hinauf. Wir nutzen die Fußtritte derer, die schon vor uns die Düne hinaufgestiegen waren, wie Treppenstufen. Mühsam war das und wir rutschten im Sand immer mal wieder nach unten. Endlich hatten wir es geschafft. Nach Süden und Norden blickten wir über die Dünen und vor uns lag

das weite offene Meer. Die Düne rechts neben uns gab es nicht mehr. Sie konnte das Land nun nicht mehr vor dem Meer schützen. Wir schauten in ein tiefes breites Loch hinab.

Es war Ebbe, der breite Strand war wieder ohne Wasser. Aber wir sahen schon von oben, wie weit das Meer in der vergangenen Nacht auf den Strand aufgelaufen war.

Unsere Düne hinunter zu gehen war sehr leicht. Wir rutschten einfach mit jedem Fußtritt ein bisschen tiefer im Sand nach unten. Der Weg über die Düne war wie ein Hohlweg, den die Menschen getreten hatten. Die Wurzeln des silbergrauen Strandhafers guckten aus der Böschung rechts und links. Neue blassgrüne Triebe waren in den alten Pflanzen zu erkennen. Der Strandhafer selber neigte sich im Sturm über die Böschungen zu uns herab.

Sand wehte uns schon in die Augen, ganz besonders, als wir den Fuß der Düne erreicht hatten. Viele Strandspaziergänger waren heute Nachmittag nicht unterwegs, nur an einer Stelle vor uns knubbelte sich eine Menschenansammlung.

Wir gingen darauf zu und sahen immer deutlicher etwa 30-40 Meter vor den Menschen einen Schweinswal im seichen Wasser liegen. Er kam aus eigener Anstrengung nicht wieder ins Wasser.

Wir gingen direkt über die blankgefegten Steine und den festen Sand bis zum Ufer, guckten uns kurz an und gingen weiter ins Wasser hinein. Wir hatten ja Gummistiefel an.

Es war ablaufendes Wasser, durch einige Wasserstellen gingen wir und erreichten den Schweinswal, der kaum noch kämpfte. Schweinswale sind nicht groß, vielleicht 1-2m. Wir stellten uns mit unseren Stiefeln direkt unter seinen Bauch und wippten auf und ab. So kam Wasser an den Schweinswal. Wir schubsten ihn einfach immer ein bisschen weiter dem Wasser entgegen, weiter wippend und ihn weiter schubsend. Endlich hatten wir ihn so weit geschoben, dass er das Wasser wieder erreichte.

Uns lief das Wasser schon lange in die Stiefel und wir standen bis zu den Knien im Wasser. Aber das machte ja nichts, der Schweinswal konnte sich mit seinem

auf- und abschwingenden Körper weiter ins Wasser bringen und war frei. Er schwamm ins Meer, drehte noch einmal kurz um, als wolle er sich bei uns bedanken und tauchte im tiefen Wasser unter.

Wir freuten uns mit ihm und gingen schnurstracks wieder aus dem Meer hinaus nach Hause über den Strand mit quatschenden Gummistiefeln. Alle klatschten, was uns ein bisschen unangenehm war, aber alle waren wir froh, dass der kleine Wal wieder in der Nordsee schwamm. Er hatte sich im Sturm wohl zu lange und zu nah am Strand aufgehalten bis ihn die Ebbe überraschte. Unser Sonntagsspaziergang war damit für heute beendet.

Zu Hause legten wir Feuer in dem Kamin an, duschten und zogen uns trockene Kleidung an und kuschelten uns vor dem Feuer auf das Sofa. Schnell wurden wir wieder warm. Wir kochten uns einen richtig guten Kaffee und aßen Zimtkuchen, „Karnelstanger“.

Ich hoffe, ich konnte sie wieder mitnehmen auf eine Reise in das kalte und stürmische Dänemark. Der Wind legte sich in den nächsten Tagen, es wurde auch etwas wärmer und wir konnten so wunderbare Strandspaziergänge machen. Ich erzähle Ihnen das nächste Mal davon.

Wo haben Sie oft Urlaub gemacht? An welche Urlaube erinnern Sie sich ganz besonders?

Ich wünsche ich uns jetzt auch ein bisschen mehr Wärme. Aber ich glaube, dass der Sommer uns bald erreicht. Gestern sah ich die ersten Schwalben über das verblühte Rapsfeld fliegen. Hoffen wir, das ganz viele Schwalben in diesem Jahr wieder zu uns kommen in einen wunderschönen Sommer hineinfliegen

mit herzlichen Grüßen von

Karin Niederkrome

Bleiben Sie behütet!