Ein Rückblick auf den Start der Jugendarbeit von Alexander Bergen

„Alles ist ganz anders hier“

Diesen Satz schrieb ein Auswanderer in einem Brief, nachdem er gefragt wurde, wie es ihm ergangen ist.

Das könnte auch meine Antwort sein, wenn mich jemand fragen würde, wie meine ersten Monate in Berlebeck als Jugendreferent verlaufen sind. Viele Dinge habe ich mir anders vorgestellt; teilweise wurden meine Erwartungen übertroffen und teilweise war es dann doch auch schwierig, so dass ich sagen kann, es ist es zumindest vieles „ganz anders hier“ gekommen.

Meine Zeit in Berlebeck hat damit begonnen, dass ich die Menschen aus dem Jugend-Arbeits-Kreis (JAK) und der Kirche kennen gelernt habe. Das waren für mich sehr mutmachende erste Kontakte, weil ich schnell gespürt und auch zugesichert bekommen habe, dass hier Menschen sind, die hinter mir und meiner Arbeit stehen. Ganz besonders dankbar bin ich für Amelie, Marlene und Jonathan, die mich ehrenamtlich, wo sie nur können unterstützen. Und das neben Studium, Jobs und der allgemein komplizierten Zeit, in der wir uns gerade befinden. Gemeinsam haben wir Ideen gesponnen und sind dann auch konkrete Schritte gegangen.

Ein großes Projekt im September war das Jugendcafé der Kirche. Mein Ziel ist es, dass das Jugendcafé ein persönlicher Rückzugsort für die Jugendlichen und Teenager in Berlebeck wird und weshalb es auch ein gemütlicher Ort werden sollte. Ein halbes Jahr ohne Nutzung hat seine Spuren in dem Café hinterlassen und deshalb haben wir dort erst einmal richtig aufgeräumt, renoviert und teilweise auch neue Möbel und Deko gekauft. Auch hier durfte ich viel sehr viel Hilfsbereitschaft erleben; ob beim Einrichten, Einkaufen oder auch dem Transport von Sofas und anderer Möbel. Ein Ergebnis sehen Sie auf den Fotos und hoffentlich auch irgendwann präsent vor Ort.

Im September durften wir dann auch mit dem Jugendkreis starten, bei dem wir das Alter grob von 16 Jahren aufwärts festgesetzt haben. In einer gemütlichen Runde mit gemeinsamen Essen und ein paar Spielen durfte ich die Jugendlichen, und sie mich kennen lernen. In der Folge haben wir versucht uns wöchentlich im Jugendcafé zu treffen. Da die Schutzverordnung der Kirche sich aber immer wieder änderte, hat es mit den wöchentlichen Treffen mal besser und mal weniger regelmäßig funktioniert. Teilweise sind wir auch auf Online-Treffen umgestiegen. Einige der Jugendlichen habe ich dann auch im Jugendcafé als ehrenamtliche Mitarbeiter eingebracht, was mich persönlich sehr freut. Das Jugendcafé ist bisher ein offener Treff für Teens zwischen 12-16. Gestartet haben wir Anfang Oktober und auch versucht es regelmäßig freitagabends stattfinden zu lassen, was situationsbedingt dann auch leider nicht durchgängig funktioniert hat. Die Teilnehmer im Jugendcafé sind überwiegend die Katechumenen unserer Gemeinde und Freunde, die sie mitbringen. Die Konfirmanden- und Katechumenenarbeit durfte ich auch schon kennenlernen und bei einigen Unterrichtseinheiten dabei sein. Ein Highlight war für mich das Krippenspiel für Heiligabend, das ich mit den Katechumenen auf Video aufnehmen und schneiden durfte und das an Weihnachten dann Online zu sehen war. Für mich persönlich sehr schön war auch mein Einführungsgottesdienst im Dezember, bei dem ich noch einmal ganz deutlich spüren durfte, dass viele Menschen in der Kirchengemeinde hinter mir stehen und mich in meiner Arbeit unterstützen.

Ich bin Gott und den Menschen in der Kirchengemeinde sehr dankbar, dass ich trotz der ganzen Umstände einen sehr guten Start haben durfte und ich freue mich auf viele schöne Erlebnisse, die wir im Jahr 2021 gemeinsam haben werden.

Zwei Geschichten von Karin Niederkrome

Vom Winter und vom Schnee

Liebe Leserin, lieber Leser,

nun sind wir bereits wieder 11 Wochen im Lockdown und ein Ende ist nicht abzusehen. Zumal inzwischen zwei Mutationen des Virus bekannt geworden sind. In einigen Städten mit einem Inzidenzwert von über 200, d.h. mehr als 200 Neuerkrankungen innerhalb einer Woche, dürfen die Bewohner sich nur noch in einem Umkreis von 15km um ihren Wohnort bewegen. In Bielefeld liegen die Werte weit über 200, das läge aber an den nachgereichten Zahlen der Neuinfizierten seit Weihnachten. Hoffen wir, dass das stimmt. Und hoffen wir, dass die Bewegungseinschränkung im Umkreis von 15 km, die sogenannte Corona-Leine, auch wirklich die Zahlen der Neuinfektionen eindämmt, zusätzlich zu den unbedingt einzuhaltenden AHA+L Regeln.

Und es darf jetzt nur noch eine Person einen anderen Haushalt besuchen. Schlecht für den Opa oder die Oma, die nicht mehr beide zusammen die Enkel besuchen dürfen. Aber das war ja das ganze vergangene Jahr schon schlecht.

Die Einzelhandels-Geschäfte sind weiter geschlossen, aber viele bestellen ihre Konsumgüter online und lassen sich die Ware schicken oder holen sie direkt an der Tür des Geschäftes ab. Ist es wirklich für den Einzelnen von uns so schwer und so schlimm, dass wir uns in unserem Konsumverhalten ein bisschen einschränken müssen?

Die Frisörläden bleiben weiter geschlossen. Das wird jetzt nach den vergangenen Wochen allmählich schon wieder ein kleines Problem. Die Haare hören nicht auf zu wachsen. Aber es gibt schöne Haarbänder und –spangen …

Die Restaurants bleiben weiter geschlossen. Viele Gastronomen liefern das bestellte Essen nach Hause.

Leider fließen auch die versprochenen Gelder für die Betriebe nur sehr zögerlich, das ist für die meisten kleinen Betriebe eine existenzielle Bedrohung. Hoffen wir, dass diese Gelder bald die Betriebe erreichen.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und Einschränkungen steigen die Zahlen der Infizierten weiter. Sind die Virusmutationen ein Grund dafür?

Der Impfstoff erreicht uns nur zögerlich, aber es ist Impfstoff da! Ein Grund

dankbar zu sein! Und viele Bewohner und Mitarbeiter in Senioreneinrichtungen sind schon geimpft worden. Die Impfung der über 80jährogen soll spätestens im Februar beginnen. Wir können jetzt schimpfen und Schuldige für den mangelnden Impfstoff suchen. Aber das nützt gar nichts. Es ist leider so gekommen und ich bin mir sicher, dass die Verantwortlichen selber darüber sehr unglücklich sind. Hoffen wir nur, dass sich nicht mehr so viele anstecken, an Corona erkranken oder daran sterben.

Ja, wir haben erhebliche Einschränkungen schon seit März 2020, aber wir brauchen sie bei dem Virus, damit wir möglichst keine Kontakte mehr zu anderen haben und uns nicht anstecken.

Im Moment fällt es mir nicht schwer, zu Hause in meiner Wohnung zu bleiben. Es ist Winter, viele sind in dieser Zeit zu Hause oder weitgehend im Haus. Ich schreibe Briefe, stricke Socken oder Stulpen, schaue fern, telefoniere, lese und finde immer irgendeine Beschäftigung, die mir Freude bereitet. Natürlich könnte ich mir das Leben im Winter auch anders vorstellen, aber es geht im Moment nun einmal nicht anders.

Ich hoffe, auch Sie haben genug Ideen, was man jetzt mal machen könnte, damit wir zufrieden bleiben? Ich wünsche es Ihnen!

Gerne erinnere ich mich an die Zeit, als ich Kind war, und sich auch unser Leben im Winter nur im Haus abspielte, meistens bei Oma in der Küche. Da war es schön warm, wenn Oma morgens um sechs Uhr den Ofen anmachte. Die Asche wurde mit einem eisernen Haken von dem Herdroste gerüttelt und fiel in den Aschenkasten. Der konnte herausgezogen werden und in einen Ascheimer entleert werden. Manchmal waren noch Glutfunken in der Asche vom Abend vorher. Aber die erstickten im Laufe des Vormittags, wenn Oma die Asche draußen  auf den Plattenweg streute oder auf die Straße, wenn alles vereist war. Manchmal streute sie die Asche auch auf das Feld, sie diente als Dünger. Manche Aschenreste kamen auch in den Papiersack, den Bauer Linke einmal im Monat mit seinem Trecker und Anhänger abholte. Viel Müll gab es nicht, vielleicht mal eine leere Fischdose.

Oben in der Küche wurden nun Papier, Spricker und Spletten in den Herd gelegt und das Feuer wurde mit einem Sticken angezündet. Holz und Kohle, später

die Briketts hielten das Feuer am Brennen. Und während wir unsere Ziegenmilch auf Omas Sofa tranken, wurde es langsam behaglich. An den Fenstern waren über Nacht wunderschöne Eisblumen gewachsen, manchmal bedeckten sie die hohen Fenster in Omas Küche.  Wir hauchten mit unserem warmen Atem Löcher in das Gemälde und schauten wie durch ein Fernglas in die Welt. Wer schaffte das größte Loch in das Gemälde zu hauchen?  Allmählich schmolzen die Blumen von oben nach unten und Wassertropfen liefen an den Eisblumen hinab in das dicke Handtuch, das sie auffing. Es wurde ab und zu ausgewrungen. Das Handtuch lag aber auch deshalb vor dem Fenster, damit die Kälte nicht so schnell von draußen in die Küche kam. Die Fenster waren nur einfach verglast und mit Kitt in den Rahmen befestigt. Der löste sich im Laufe des Jahres und bröckelte. Die Fensterscheiben wurden im Sommer oder im Herbst wieder neu verkittet.

In den geheizten Räumen konnte man im Winter mittags wieder durch die Scheiben sehen. Die Wasserleitung dagegen war mittags oft noch nicht aufgetaut. In der Speisekammer stand ein 5l-Eimer mit Trinkwasser mit einer Suppenkelle. Mit der schöpften wir Wasser in die Gläser zum Trinken. Tagsüber wurden ja auch nur die Küchen beheizt und davon hatten wir drei im Haus. Erst am Nachmittag heizte meine Mutter auch das kleine Wohnzimmer. Meine Großeltern hatten gar keine Stube.

Es war also fast überall im Haus kalt. Besonders kalt war es, wenn wir zu unserem Klo gehen mussten. Das lag nämlich unten auf der Deele. Links waren die Ställe, rechts ging es durch eine Holztür zu dem Plumpsklo. Da war keine massive Holztür. Sie war aus Latten zusammengenagelt mit zwei Querbalken und einem Schrägbalken wie auch die Türen im Keller. Im Klo konnte man an der Tür einen Holzklotz nach rechts drehen, um die Tür von innen zu verschließen. Ein kleines Fenster hatte dieses Klo auch, aber das war im Winter ständig dick vereist. Man setzte sich nun auf eine Holzbank mit einem Loch darin und verrichtete sein Geschäft. Das Klopapier hatte Opa aus der LZ zu handlichen Rechtecken geschnitten. Es hing an einem Bindfaden und der wieder an einem Nagel. Lange blieb hier im Winter niemand sitzen. Das Eis glitzerte an den gekalkten Wänden. Und man war froh, wieder eine warme Küche zu erreichen.

Nachts hatte jeder seinen Nachttopf unter dem Bett stehen, der morgens von den Frauen in das Plumpsklo entleert wurde.

Im Viehstall war es wärmer. Die Schweine, die Ziege und die Hühner hatten warmes Stroh in ihren Ställen, auch die Kaninchen, die ihre Ställe draußen hatten. Die Kaninchenställe waren mit Laken zugedeckt, damit die Kälte und der Wind abgehalten werden konnten. Zweimal am Tag mussten die Erwachsenen die Tiere füttern und ihnen Wasser geben, am Wochenende wurden die Ställe ausgemistet. Aber sonst blieben auch die Erwachsenen lieber in einem warmen Raum.

Eine Arbeit im Winter war auch das Ausbessern oder Flechten der Weidenkörbe. Opa schnitt unten im Dorf an der Werre die dünnen und dickeren Ruten der Kopfweiden ab, bündelte sie und schleppte sie nach Hause.

Die Weiden wurden unten in der Wachküche im Wasserbassin ein paar Tage eingeweicht, damit sie biegsamer wurden. Unten wurden sie auch getrocknet und dann in die Küche getragen. Sie nahmen nun mit ihrer Länge den größten Teil der Küche ein. Opa holte einen Korb nach dem anderen von der Deele, und begann mit dem Ausbessern. Er schnitt die alten brüchigen Ruten aus dem Korb heraus, schnitt die neuen zu und flocht sie wieder ein. Ein paar Körbe waren gar nicht mehr zu gebrauchen. Es wurden neue gemacht. Zuerst schnitt Opa einen Kreis und ein Oval mit dickeren Ruten, die an den Seiten zuerst genagelt und dann zusammengeflochten wurden. Dazu schnitt Opa einige dünne Ruten längs durch, damit sie schön dünn waren. Nun begann er die Verbindungen von Kreis und Oval zusammen zu flechten an beiden Seiten der Schnittstellen bis ein schönes Quadrat entstand. Nun mussten in den unteren Teil des Korbes die Stützruten mit dem Oval verbunden werden. Beim Weben sind das die Kettfäden. Jetzt konnte Opa anfangen mit den Ruten den Korb zu weben von einer Seite zur anderen. Es dauerte ein paar Tage bis wieder ein neuer Korb entstanden war und Oma war froh, dass ihre Küche wieder ohne Braken war, wie sie die Weidenruten nannte.

In den Schlafzimmern war es im Winter immer besonders kalt. Der Frost kam auch hier durch die Fenster und überzog die Scheiben mit dickem Eis. Meine Schwester und ich hatten ein kleines Zimmer, in dem nur zwei Betten Platz hatten mit einem Stuhl dazwischen und vor je einem Bett stand ein Kleiderschrank. Das waren verschiedene alte Möbel aus dem Haus, die niemand mehr brauchte. Mein Holzbett war etwas größer, als das meiner Schwester, aber beide hatten wir drei Seegrasmatratzen, die schon gut eingelegen waren. Das Oberbett hatte Federn, die nachts immer wieder zur Seite rutschten und wir nur noch mit dem Stoff bedeckt waren.  Aber wir hatten auch noch eine Wolldecke, wenn es zu kalt war. Mein Kleiderschrank war aus hellerem Holz und hoch. Er hatte nur eine Tür zum Öffnen. Auf einer Stange hingen die Kleiderbügel mit unseren Röcken und Kleidern. Unten hatte der Schrank noch eine Schublade für Schuhe. Aber wir hatten weder viele Kleidung noch Schuhe, das war nicht üblich.

Meine Schwester hatte einen halbhohen polierten dunklen Schrank. Dort lagen unsere flauschigen gelben Wämschen und die Schlüpfer und Strümpfe in den Fächern. Dieser Schrank ist erhalten geblieben. Er steht heute in der Wohnung meiner Nichte.

Die Wände in unsrem Zimmer waren gekälkt mit hellblauer Farbe und einem dunkelroten Band als Abschluss vor der cremefarbenen Decke. Eine hellblaue verschnörkelte Glaslampe hing an einer gusseisernen Kette von der Decke herab. Sie sah aus wie eine feine Glockenblume.

Im Winter war dieser Raum eiskalt und so machten sich meine Schwester und ich uns auch gerne nachts auf den Weg zu den Betten der Erwachsenen, dort war es immer schön warm. Meine Schwester ging nie ohne ihr eigenes Kopfkissen durch das Haus. Mir war das egal, ich fand schon irgendein Kopfkissen im Bett der Erwachsenen.

Wie schön ist es doch heute, einfach die Heizung aufzudrehen, wenn das Zimmer warm werden soll. In den gesteppten Oberbetten verrutschen keine Federn mehr. Kälte kommt nicht mehr von draußen in das Zimmer, die Fenster sind mehrfach verglast. Ich hoffe, Sie haben es auch so gemütlich in ihren Zimmern und können sich wohl fühlen bei allen anderen widrigen Umständen. Ich wünsche es Ihnen mit herzlichen Grüßen von

Karin Niederkrome

Bleiben Sie behütet!

 
Liebe Leserin, lieber Leser,
seit Samstag beobachte ich die digitale Wetteranzeige auf meinem i-Phone. Dort wurden für gestern Schneefälle angezeigt. Es war den ganzen Tag über bedeckt, aber nach Schnee sah es nicht aus. Die Wolken hatten nicht diese milchige Farbe, sondern sahen aus wie Regenwolken, schade.
Aber als ich ins Bett ging, sah ich im Licht der Laterne die ersten Schneeflocken treiben, wunderbar! Ich blieb an meinem Fenster stehen und sah den Schneeflocken zu, wie sie zur Seite hin flogen durch leichten Wind getrieben. Sie blieben nicht auf der Straße liegen, die Straße war nass. Aber ich freute mich, dass ich schon gleich am Anfang des neuen Jahres die ersten Schneeflocken gesehen hatte. Es soll laut Wetterbericht noch einige Tage schneien, wie schön!
Autofahrer sehen das bestimmt anders, aber ich kann ja zu Hause bleiben und muss nicht mehr jeden Morgen zur Arbeit fahren.
Ich erinnere mich an die kindliche Freude, wenn es manchmal schon im November anfing zu schneien. Und dann schneite es tatsächlich tagelang und die laute Welt wurde eingepackt in eine weiche Stille. Das empfand ich schon als Kind so. Natürlich gab es nun nichts Schöneres, als den Schlitten vom Laubstall zu holen und sich mit anderen Kindern zu verabreden, um auf unserer Schotterstraße Schlitten zu fahren. Die Kufen waren stumpf und rostig geworden. Man musste sie zuerst einmal wieder glatt reiben im Schnee. Und dann: Aufgesetzt auf den Schlitten, mit den Füßen noch Anschwung gegeben Füße an die Innenkufen, Hände nach hinten zum Lenken und: „Bahn frei, ich komme!“ 
Unsere Bahn war nicht steil, und am Anfang fuhr der Schlitten ja auch noch nicht schnell. Aber mit jeder Fahrt wurde der Schnee auf unserer Bahn dichter und glatter. Nach ein paar Abfahrten lief die Bahn schon ganz gut. Vor Autos brauchten wir uns nicht vorzusehen, es gab zu wenige, die auf unserer Straße fuhren.
Einmal allerdings kam ich in ziemlich große Gefahr auf einer steil abschüssigen Straße, dem Gutsweg. Die Häuser im Grünental wurden gebaut und LKWs kreuzten den Gutsweg, auf dem wir mit gutem Tempo auf der glatten Straße hinunterfuhren. Unten stoppte der LKW, weil der Fahrer gesehen hatte, dass viele Kinder mit schnellem Tempo den Gutsweg hinunterfahren. Er bat die Kinder uns oben zu sagen, dass wir erst wieder fahren sollten, wenn er die Straße gekreuzt habe. Ich saß oben schon auf meinem Schlitten und hatte Schwung gegeben, als ich die Kinder hörte: „Nicht mehr fahren!“
Aber ich konnte nicht mehr stoppen, meine Fahrt war schon zu schnell. Ich sah, dass der LKW anfuhr, ich raste direkt vor ihm vorbei. Er stoppte den LKW, der hin und her wippte und der mit einem Ruck stand.
Der Fahrer schimpfte nicht, obwohl ich es verdient gehabt hätte. Er stieg aus, wischte sich mit dem Arm über seine schweißverschmierte Stirn. Ich entschuldigte mich, er stieg wieder ein, schaute noch einmal den Gutsweg hoch, ob auch wirklich kein Kind mehr losfuhr.
Uns allen saß der Schreck noch in den Gliedern und ich wurde auch von den anderen Kindern ausgeschimpft. Aber nach ein paar Fahrten war alles vergessen. Ich habe die Geschichte jedoch bis heute in Erinnerung behalten.
Es gab schon gefährliche Situationen beim Schlittenfahren, aber die meisten waren uns gar nicht so bewusst.
Wie war das bei Ihnen? Kennen Sie auch solche Erlebnisse?
Ziemlich gefährlich war auch das Schlittenfahren als „Achterbahn“. Kennen Sie das auch? Achterbahn fuhren wir auf der Bergstraße. Wir begannen ganz oben in der Straße und fuhren bis zur Eisenbahnbrücke, manchmal bis ins Dorf hinein. Für die Achterbahn banden wir mehrere Schlitten hintereinander, manchmal so viele, wie gerade Schlitten da waren. Wir banden sie alle achtern hintereinander, und los ging die wilde Fahrt. Der Lenker saß vorne, einer der älteren Jungen, der gerne auch mal absichtlich Kurven fuhr, rechts zur Seite, und wieder nach links. In der Mitte fing die Achterbahn schon an zu schleudern, die hinteren Schlitten ganz bestimmt. Die Schlitten kippten um und wir wälzten uns im Schnee. Wenn es richtig kalt war, war das gar nicht so schlimm, der Schnee war ja trocken. Unangenehm war es, wenn der Schnee
schon pappte und schwer war und nass. Aber das störte uns ja nicht. Noch war es nicht dunkel geworden, und vor Anbruch der Dunkelheit gingen wir nicht nach Hause.
Meine Mutter und ihre Schwester hatten neben dem Schlitten auch Schlittschuhe. Auf dem Weg zum Königsberg gab es einen kleinen Weiher, die Remskuhle. Dieser kleine Teich war umgeben von Kopfweiden und Schlehenbüschen. Der Teich fror im Winter fest zu und man traf sich dort zum Schlittschuhfahren. Ich habe die Schlittschuhe noch auf dem Laubstall hängen sehen: Rostige Kufen, die bestimmt mal hell geblitzt haben und ziemlich scharfkantig waren. Verbunden war das Metall mit dem Fuß aus inzwischen grauem Eichenholz. Mit Lederriemen wurden die Schlittschuhe an den Fuß gebunden, wenn man oben am Teich angekommen war.
Sie kennen bestimmt auch Friedrich Gülls Gedicht von 1827
„Das Büblein auf dem Eise“
Gefroren hat es heuer, noch gar kein festes Eis. Das Büblein steht am Weiher, und spricht zu sich ganz leis: „Ich will es einmal wagen, das Eis, es muss doch tragen, wer weiß!“
Das Büblein stampft und hacket mit seinem Stiefelein. Das Eis auf einmal knacket, und krach! Schon bricht’s hinein. Das Büblein platscht und krabbelt, als wie ein Krebs und zappelt mit Arm und Bein.
Oh helft, ich muss versinken in lauter Eis und Schnee! Oh helft, ich muss ertrinken im tiefen, tiefen See!“ Wär‘ nicht ein Mann gekommen – der sich ein Herz genommen, o weh!
Der packt es bei dem Schopfe und zieht es dann heraus, vom Fuße bis zum Kopfe wie eine Wassermaus. Das Büblein hat getropfet, der Vater hat’s geklopfet zu Haus.
Wenn wir vom Schlittenfahren nach Hause kamen mussten wir uns unten vor der Haustüre die Eisklumpen von der Trainingshose abklopfen und die nassen oder vereisten Schuhe ausziehen, bevor wir das Treppenhaus hochgingen und in Omas warme Küche kamen. Hier zogen wir die dicke Trainingsjacke aus, die Mütze und den Schal. Unsere Hände und Füße waren eiskalt und die Erwachsenen hauchten und rubbelten sie wieder warm. Wenn sie zu schnell warm wurden, kribbelten die Hände und Füße und schmerzten. Dann gab es oft Tränen, so lange, bis wir wieder gleichmäßig durchgewärmt waren. Besonders schön war es, die Füße vor die offene Backofentür zu legen, aber auch gefährlich, die Füße tauten zu schnell auf und der „Kribbel“ kam.
Aber irgendwann waren wir wieder durchgewärmt und freuten uns schon auf den nächsten Schlittentag.
Schlittschuhe hatten meine Schwester und ich nicht, aber Skier. Ab 1960 war es üblich auch Ski zu fahren. Die Skier waren sehr einfach. Mit seinen Schuhen, die noch zum Schnüren waren, trat man vorne in eine Metallkappe und befestigte den Schuh hinten mit einer spiralförmigen Klammer und ab ging es. Die Lehrer unserer Volksschule organisierten Skifahrten oben in der Wiese am Hangstein in Berlebeck, richtige Wettkämpfe auf der Berlebecker Heide. Wir wurden in verschiedene Altersgruppen aufgeteilt und bekamen alle eine Nummer umgebunden. Der Abfahrtslauf begann ziemlich oben im Wald. Der Weg war steil und schmal. Einmal losgefahren, gab es kein Halten mehr, erst im Auslauf unten nach dem Ziel. Die Zeiten wurden gestoppt, ich war nicht schlecht.
Aber dann kam der Slalom. Das konnte ich überhaupt nicht, war viel zu ängstlich und ungeschickt. Mein guter Platz war weg. Aber es hat richtig viel Spaß gemacht!
Das Schönste nach dem Skifahren war das heiße Getränk oben auf dem Hangstein bei Ewe in der Gaststätte. Brechend voll war es dort jeden Tag. Die Holzbohlen knarrten, wenn wir mit unseren Skischuhen in die warme Stube kamen. Frau Ewe saß auf ihrem Stuhl neben dem Ofen, es bediente ihre Tochter Annemarie. Wir saßen an ganz einfachen dunklen Holztischen und auf harten Stühlen. Die Wände waren auch ganz dunkel holzvertäfelt. Es war warm und gemütlich hier oben. Bei Dunkelheit ging es wieder nach Spork-Eichholz. Ein eigenes Auto hatten wir noch nicht, wir fuhren auf andere Autos verteilt nach Hause und freuten uns schon auf den nächsten Sonntag zum Skifahren in Berlebeck.
Doch zunächst kam der Alltag und wir gingen wieder in die Schule. Manchmal kam über Nacht so viel Schnee, dass unser Weg zur Schule an der Bahn entlang freigeschaufelt werden musste. Wir gingen dann zwischen zwei Schneewänden hindurch den Weg zur Schule. Natürlich gab es auf dem Schulhof Schneeballschlachten, die Jüngeren bauten kleine Schneemänner, die die Älteren mit ihren Schneebällen wieder zerstörten.
Aber zu Hause konnte man ja am Nachmittag einen großen Schneemann bauen, wenn der Schnee nicht zu trocken war. Einen kleinen Schneeball rollte man einfach auf der Wiese so lange, bis der dicke Unterbau des Schneemannes fertig war. Dann rollte man eine zweite, etwas kleinere Kugel und setzte sie auf die erste, das war der Bauch und darauf setzte man die dritte Kugel, den Kopf.
Ein paar Eierkohlen holten wir aus dem Keller, das wurden die Augen und die Knöpfe. Für den Mund holten wir aus Omas Kohlenkeller ein paar passende Stückchen Anthrazitkohle. Eine Möhre für die Nase fanden wir in der Sandkiste im anderen Keller, und den alten Topf in der Kellerküche oder die Emailleschüssel aus dem Hühnerstall. Das wurde aber nicht so gerne gesehen.
Lag der Schnee einige Zeit und war so richtig fest geworden, wurde oben auf dem Feld ein Iglu gebaut. Da waren dann alle Nachbarskinder wieder dabei, vor allem die älteren Jungen, die mit Spaten die Schneebrocken losstachen und übereinander stapelten. Wir Jüngeren schabten mit unseren Handschuhen die Wände außen glatt. Eigentlich ist es uns nie so richtig gelungen ein richtiges Iglu zu bauen. Die Lust ging verloren, es war doch zu mühsam. So blieb meistens nur ein Fragment auf dem Feld stehen und wir beschäftigten uns schon wieder mit anderen Dingen.
In der Schule lernten wir, dass eine Schneeflocke ein Kristall ist mit sechs Zacken. Wir konnten sie malen, es wurde immer eine Schneeflocke, Hauptsache war, dass sie sechs Zacken hatte. Papier wurde gefaltet und Zacken herausgeschnitten, so dass wieder Schneeflocken entstanden, die wir alle an unsere Fensterscheiben in der Schule hingen. Jede Schneeflocke sah anders aus und doch waren es alles Schneeflocken.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich erfreuen können an den kleinen oder dicken Schneeflocken, wenn sie lautlos zur Erde fallen.
Und mit einem alten Kinderlied grüße ich Sie herzlich mit guten Wünschen und herzlichen Grüßen von
Karin Niederkrome
Bleiben Sie behütet!
Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit? Kommst her aus den Wolken, dein Weg ist gar weit.
Komm setzt dich ans Fenster, du lieblicher Stern. Malst Blumen und Blätter, wir haben dich gern.
Schneeflöckchen, du deckst uns die Blümelein zu, dann schlafen sie sicher in himmlischer Ruh.
Schneeflöckchen, Weißröckchen, komm zu uns ins Tal, dann bau‘n wir den Schneemann und werfen den Ball.